Es gibt eine Regel, die jeder kennt, der sich auch nur kurz mit Geldanlage beschäftigt hat. Sie klingt so:
Dein Anleihenanteil sollte deinem Alter entsprechen. Mit 30: 30 % Anleihen, 70 % Aktien. Mit 60: 60 % Anleihen, 40 % Aktien.
Diese Faustregel ist Jahrzehnte alt. Sie stammt aus einer Zeit, in der Anleihen noch ordentliche Zinsen abwarfen, Menschen mit 65 in Rente gingen und ein Ruhestand von 15 bis 20 Jahren als lang galt.
Für jemanden, der mit 40 aufgehört hat zu arbeiten und noch 50 Jahre vor sich hat, macht diese Regel wenig Sinn. Für junge Anleger, die auf einen langen Zeithorizont setzen, auch nicht.
Trotzdem glauben viele noch daran. Deshalb lohnt es sich, die Frage offen zu stellen: Brauche ich überhaupt noch Anleihen?
Was Anleihen eigentlich leisten sollen
Bevor wir urteilen, sollten wir verstehen. Anleihen haben im klassischen Portfolio zwei Funktionen:
Stabilisierung: Anleihen und Aktien korrelieren historisch schwach oder negativ. Wenn Aktien fallen, steigen Anleihen oft — oder fallen zumindest weniger stark. Das dämpft die Volatilität des Gesamtportfolios.
Einkommenserzeugung: Anleihen zahlen Zinsen. Für Rentner, die regelmäßig Geld aus dem Portfolio entnehmen müssen, bieten Anleihen eine verlässlichere Einnahmequelle als schwankende Aktien.
Beides klingt vernünftig. Und beides funktioniert — unter bestimmten Bedingungen.
Das Problem mit der modernen Anleihenlogik
Die Bedingungen haben sich geändert. Dramatisch.
Erstens: Zinsen. Anleihen werfen Rendite ab — aber wie viel? In den Nullzinsjahren nach 2008 bis ca. 2022 lagen die Renditen europäischer Staatsanleihen nahe null oder sogar im negativen Bereich. Wer Anleihen hielt, bekam real — nach Inflation — negative Renditen. Er zahlte effektiv dafür, sein Geld zu “sichern”.
Seit 2022 sind die Zinsen zwar wieder gestiegen. Aber historisch belasten Zinsphasen-Wechsel Anleihenpreise erheblich: Steigende Zinsen lassen bestehende Anleihen im Wert fallen. Viele “sichere” Anleihenportfolios haben zwischen 2021 und 2023 deutlich an Wert verloren — zur gleichen Zeit wie Aktien.
Zweitens: Korrelation. Der angebliche Stabilitätsvorteil von Anleihen basiert darauf, dass sie sich gegensätzlich zu Aktien bewegen. Das war in Krisen wie 2000 und 2008 zutreffend. 2022 bewegten sich Aktien und Anleihen aber gleichzeitig nach unten — eine sogenannte positive Korrelation. Der Diversifikationsvorteil verschwand genau dann, wenn er gebraucht wurde.
Das bedeutet nicht, dass Anleihen wertlos sind. Aber es zeigt, dass die Stabilitätserwartung nicht selbstverständlich ist.
Das Argument für 100 % Aktien
Wer langfristig investiert — und “langfristig” bedeutet hier 20, 30 oder 50 Jahre — hat historisch mit einem reinen Aktienportfolio deutlich besser abgeschnitten als mit einem gemischten Portfolio.
Zahlen: Der MSCI World hat in den letzten 50 Jahren eine durchschnittliche Jahresrendite von etwa 8–10 % erzielt (nominal, vor Inflation). Globale Anleihenindizes lagen im gleichen Zeitraum bei 3–5 %. Wer mit 30 Jahren 100.000 Euro investiert und auf 50 Jahre anschaut:
- 100 % Aktien (8 % p.a.): ~4.690.000 Euro
- 60/40-Portfolio (6 % p.a.): ~1.842.000 Euro
Das ist kein kleiner Unterschied. Es ist der Faktor 2,5.
Dieser Unterschied entsteht nicht durch Glück oder besonderes Timing. Er entsteht durch den Unterschied in der langfristigen Durchschnittsrendite — und durch Zinseszins, der über Jahrzehnte wirkt.
Der Einwand: Volatilität und Drawdowns
Das stärkste Argument gegen 100 % Aktien ist nicht die Rendite. Es ist die Volatilität.
Aktien können in kurzer Zeit massiv an Wert verlieren. Der MSCI World verlor 2008/09 rund 50 %. Der Nasdaq verlor Anfang der 2000er rund 80 %. Wer in diesen Phasen ein reines Aktienportfolio hatte und Geld entnehmen musste — oder psychologisch nicht standhielt und verkaufte — hat dauerhaft Schaden genommen.
Das ist real. Und es ist der Kerngrund, warum Anleihen im Portfolio Sinn machen können:
Sequence-of-Returns-Risk: Wenn du kurz nach dem Einstieg in den Ruhestand einen massiven Marktcrash erlebst und gleichzeitig Geld entnehmst, kann das dein Portfolio nachhaltig schädigen — auch wenn sich der Markt danach erholt. Wer 2007 in Rente gegangen ist und 4 % jährlich entnehmen musste, hatte in den ersten Jahren ein ernstes Problem.
Anleihen können diesen Effekt abmildern: In Crashphasen liquidiert man zuerst die Anleihen, lässt die Aktien erholen. Das ist ein echter Vorteil — aber nur für jemanden, der aktiv entnimmt.
Die Antwort hängt von der Phase ab
Hier liegt die eigentliche Nuance: Die Frage “Brauche ich Anleihen?” hat keine universelle Antwort. Sie hängt von der Lebensphase ab.
Ansparphase (20–40 Jahre bis FI): Wer langfristig spart und noch nicht entnimmt, braucht keine Anleihen im Portfolio. Die Volatilität ist kein Problem — sie ist sogar ein Vorteil. Einbrüche bedeuten günstigere Zukäufe über den Sparplan. Renditeverlust durch Anleihen kostet über 30 Jahre erheblich mehr als er schützt.
Übergangsphase (5–10 Jahre vor FI): Hier kann es Sinn machen, einen kleinen Puffer aufzubauen — 10–20 % in Cash oder kurzlaufenden Anleihen. Nicht als dauerhafte Strategie, sondern als Schutz vor einem ungünstigen Marktcrash kurz vor dem Zieleinlauf.
Entnahmephase (aktiv im Ruhestand): Hier wird es komplexer. Viele FIRE-Anhänger halten 1–2 Jahre Ausgaben in Cash oder Tagesgeld als Puffer — das erlaubt es, in Crashphasen keine Aktien verkaufen zu müssen. Ob das mit formalen Anleihen oder einfach mit Tagesgeld umgesetzt wird, ist eine Geschmacksfrage.
Alternativen zu klassischen Anleihen
Wer die Stabilisierungsfunktion von Anleihen will, ohne die typischen Anleihenprobleme, hat einige Optionen:
Tagesgeld / Festgeld: Für den kurzfristigen Puffer die pragmatischste Lösung. Kein Kursrisiko, aktuell wieder ordentliche Zinsen (2–3 % in der Eurozone), sofort verfügbar.
Kurzlaufende Anleihen-ETFs: Weniger Zinsänderungsrisiko als lange Laufzeiten. Mehr Rendite als Tagesgeld, aber auch etwas mehr Schwankung.
Inflationsgeschützte Anleihen (TIPS/LINKER): Bieten Schutz gegen Inflation, aber komplexe Struktur — für die meisten Privatanleger nicht nötig.
Gold: Kein Zinseinkommen, aber historisch gute Korrelationseigenschaften in bestimmten Krisentypen. Kontrovers unter Investoren.
Das Fazit für verschiedene Anlegertypen
Für einen 25-jährigen Berufseinsteiger mit ETF-Sparplan und 30-jährigem Horizont: 100 % Aktien ist eine gut begründbare Entscheidung. Die Anleihenallokation kostet über drei Jahrzehnte erheblich Rendite, ohne dass der Stabilitätsvorteil in der Ansparphase wirklich gebraucht wird.
Für einen 55-jährigen, der in 5 Jahren in Rente geht: Ein Cash-Puffer von einem bis zwei Jahres-Ausgaben plus vielleicht 20 % defensive Assets macht Sinn. Das Sequence-of-Returns-Risiko ist real.
Für einen 40-jährigen FIRE-Anhänger im Ruhestand: Ein Cash-Puffer von 1–2 Jahren plus 80–100 % Aktien-ETFs ist für die meisten die pragmatischste Lösung. Keine komplexe Anleihen-Taktik, kein dauerhafter Renditeverzicht.
Die Regel “Anleihen = Lebensalter” stammt aus einer anderen Welt. Wer sie blind anwendet, zahlt einen Preis — in Form entgangener Rendite über Jahrzehnte.
Anleihen sind nicht per se schlecht. Aber für Langzeitanleger und Menschen mit einem mehrere Jahrzehnte langen Zeithorizont ist die automatische Formel ein unzuverlässiger Ratgeber.
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