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Die 4%-Regel: Wie viel Geld brauchst du wirklich für die Frührente?

Eine Studie aus den 90ern hat die präziseste Antwort auf die wichtigste Frage des Vermögensaufbaus geliefert. Hier ist, was sie wirklich sagt — und was die meisten dabei falsch verstehen.

12. Juni 2026 ca. 5 Min. Lesezeit von Jonathan Scheele
Die 4%-Regel: Wie viel Geld brauchst du wirklich für die Frührente?

Es gibt eine Frage, die sich fast jeder irgendwann stellt, wenn er ernsthaft über finanzielle Freiheit nachdenkt: „Wie viel Geld brauche ich eigentlich, um nie wieder arbeiten zu müssen?”

Für die meisten bleibt diese Frage ohne Antwort. Manche nennen eine runde Zahl — eine Million Euro klingt gut, oder? Andere sagen: „So viel wie möglich.” Wieder andere geben auf, bevor sie richtig angefangen haben.

Dabei gibt es seit Jahrzehnten eine präzise, datenbasierte Antwort. Sie heißt die 4-Prozent-Regel. Und sie verändert, wie du über dein Geld denkst.

Wo die Regel herkommt

1994 veröffentlichte der amerikanische Finanzberater William Bengen eine Studie mit dem Titel „Determining Withdrawal Rates Using Historical Data.” Bengen analysierte jahrzehntelange Marktdaten und fragte sich: Wie viel Prozent seines Portfolios darf ein Rentner jedes Jahr entnehmen, ohne dass das Kapital in irgendeinem historischen 30-Jahres-Zeitraum vollständig aufgebraucht worden wäre?

Die Antwort: 4,15 Prozent — aufgerundet auf 4 Prozent als praktische Faustregel.

Vier Jahre später folgte die sogenannte Trinity-Studie: Drei Professoren der Trinity University untersuchten verschiedene Portfolio-Zusammensetzungen und Entnahmeraten über alle historischen Marktphasen seit 1925. Ergebnis: Ein Portfolio aus etwa 60 bis 75 Prozent Aktien und dem Rest Anleihen hielt bei einer 4-prozentigen Entnahmerate in über 95 Prozent aller untersuchten 30-Jahres-Zeiträume. Das schließt die Weltwirtschaftskrise, den Zweiten Weltkrieg, die Stagflation der 70er und die Dotcom-Blase ein.

Diese Regel ist kein Finanzmythos. Sie ist das Ergebnis einer der am meisten replizierten Studien in der Finanzwissenschaft.

Was die Regel konkret bedeutet

Die 4-Prozent-Regel lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

Du kannst jährlich 4 Prozent deines Portfolios entnehmen — und das Kapital bleibt statistisch gesehen dauerhaft erhalten.

Beispiel: Du hast 600.000 Euro investiert. 4 Prozent davon sind 24.000 Euro pro Jahr — das sind 2.000 Euro im Monat. Das kannst du entnehmen, ohne dass das Portfolio in den meisten historischen Szenarien jemals aufgebraucht wird.

Die intuitivere Version der gleichen Regel: Multipliziere deine jährlichen Ausgaben mit 25 — das ist dein FIRE-Ziel.

Wenn du 30.000 Euro im Jahr ausgibst, brauchst du 750.000 Euro. Wenn du 18.000 Euro im Jahr ausgibst, brauchst du 450.000 Euro. Wenn du 45.000 Euro im Jahr ausgibst, brauchst du 1.125.000 Euro.

Das Ziel ist nicht abstrakt. Es ist berechenbar. Und es hängt direkt von deinen Ausgaben ab — nicht von einem willkürlichen Wunschbetrag.

Warum es funktioniert

Die Grundlage ist der historische Wachstumspfad der Aktienmärkte. Über sehr lange Zeiträume haben breit gestreute Aktienindizes im Schnitt — nach Inflation — rund 5 bis 7 Prozent jährlich zugelegt. Das bedeutet: Wenn du 4 Prozent entnimmst, wächst das verbleibende Kapital in guten Jahren weiter, und selbst in schlechten Jahren bleibt genug Puffer, um die Folgeperiode zu überbrücken.

Was die Studie auch zeigt: Die Abfolge der Renditen ist entscheidend, nicht der Durchschnitt. Wer in den ersten Jahren nach der Pensionierung mit einem starken Bärenmarkt konfrontiert wird, hat es deutlich schwerer als jemand, der mit einem Aufschwung startet — obwohl der Langzeitdurchschnitt identisch ist. Dieses Risiko nennt sich Sequence-of-Returns-Risiko und ist der häufigste Grund, warum Frührentner nervös werden, wenn die Märkte fallen.

Die Gegenmaßnahme ist pragmatisch: Wer in den ersten Rentenjahren einen Cash-Puffer von einem bis drei Jahren Ausgaben vorhält und in Phasen fallender Märkte weniger entnimmt, entschärft dieses Risiko deutlich. Flexible Entnahmen — also in guten Jahren etwas mehr, in schlechten Jahren etwas weniger — machen das System robuster als eine starre Entnahme.

Der DACH-Markt: Gibt es Besonderheiten?

Eine berechtigte Frage für deutsche und österreichische Anleger: Die ursprüngliche Studie basiert auf US-amerikanischen Marktdaten. Gelten die Ergebnisse auch für EUR-Portfolios?

Kurze Antwort: Weitgehend ja — mit kleinen Nuancen.

Europäische und globale Aktienindizes haben historisch ähnliche langfristige Renditen erzielt wie der US-Markt, wenn auch mit anderen Schwankungsmustern. Wer statt eines reinen US-Portfolios einen breit gestreuten MSCI World ETF hält — der zu rund 65 bis 70 Prozent aus US-Aktien besteht und den Rest über Industrieländer streut —, ist gut positioniert.

Ein Faktor, den deutsche Anleger beachten sollten: die Abgeltungsteuer von 25 Prozent auf Kapitalerträge. Die effektive Entnahmerate im deutschen Steuerkontext ist deshalb etwas geringer als die nominale 4 Prozent. In der Praxis empfehlen viele FIRE-Fans in Deutschland, mit einer konservativeren Rate von 3,5 Prozent zu planen — also einem Zielportfolio von 28,5-fachen Jahresausgaben statt 25-fachen.

Wer bei Renteneintritt zudem noch die gesetzliche Rente erwartet — auch wenn erst mit 67 — kann diese als zusätzlichen Puffer einkalkulieren. Das reduziert die notwendige Entnahme aus dem eigenen Portfolio und macht das System stabiler.

Wie lange hält das Portfolio wirklich?

Ein wichtiger Punkt, der in vielen Erklärungen untergeht: Die ursprünglichen Studien basieren auf einem 30-Jahres-Horizont. Für jemanden, der mit 65 in Rente geht, ist das ausreichend.

Wer mit 45 oder 50 aufhört, braucht das Kapital potenziell 40 bis 50 Jahre lang. Das ändert die Gleichung.

Für längere Zeiträume ist eine niedrigere Entnahmerate sicherer:

RentenhorizontEmpfohlene EntnahmerateMultiplkator (Zielportfolio)
30 Jahre4,0 %25x Jahresausgaben
40 Jahre3,5 %28,5x Jahresausgaben
50 Jahre3,0 %33x Jahresausgaben

Das klingt nach einem großen Unterschied. Ist es aber weniger dramatisch als es aussieht — weil jemand, der mit 45 in Rente geht, bis dahin eine erheblich höhere Sparquote hatte und deutlich weniger ausgegeben hat. Das Zielportfolio ist damit oft kleiner als das eines späten Rentners.

Was passiert, wenn die Märkte nach dem Renteneintritt einbrechen?

Das ist die Frage, die viele Menschen nachts wachhält. Die ehrliche Antwort: Ein starker Markteinbruch kurz nach der Pensionierung ist tatsächlich der ungünstigste mögliche Zeitpunkt — nicht wegen des Einbruchs selbst, sondern weil man gleichzeitig Geld entnimmt, während das Portfolio fällt.

Drei Puffer helfen dabei:

1. Cash-Reserve: Wer 1 bis 2 Jahre Ausgaben als Tagesgeld oder kurzfristige Anleihen hält, kann in einem Crash-Jahr einfach aus diesem Puffer leben, ohne Aktien mit Verlust zu verkaufen. Das gibt dem Portfolio Zeit zur Erholung.

2. Flexible Ausgaben: Wer in einem schlechten Jahr seine Ausgaben um 10 bis 15 Prozent senken kann — weniger Urlaub, kein großer Kauf —, entlastet das Portfolio erheblich.

3. Kleine Einnahmen: Viele Frührentner arbeiten gelegentlich oder haben Nebeneinkommen. Schon 500 bis 800 Euro monatlich aus Kleinjobs, Projekten oder einem Blog senken die notwendige Entnahme drastisch.

Das System ist robuster als es auf den ersten Blick aussieht — vorausgesetzt, man behält Flexibilität.

Dein persönliches FIRE-Ziel berechnen

Die Formel ist simpel:

Jährliche Ausgaben × 25 = FIRE-Ziel (bei 4%-Entnahme)

Jährliche Ausgaben × 28,5 = konservatives FIRE-Ziel (bei 3,5%-Entnahme)

Konkrete Beispiele für Deutschland:

Einzelperson, günstigere Stadt, 1.500 Euro monatlich (18.000 Euro/Jahr): FIRE-Ziel bei 4 %: 450.000 Euro Konservativ: 513.000 Euro

Paar, Großstadt, 3.200 Euro monatlich (38.400 Euro/Jahr): FIRE-Ziel bei 4 %: 960.000 Euro Konservativ: 1.094.000 Euro

Einzelperson, gehobener Lebensstil, 2.800 Euro monatlich (33.600 Euro/Jahr): FIRE-Ziel bei 4 %: 840.000 Euro Konservativ: 957.000 Euro

Der wichtigste Hebel: Nicht das Portfolio, sondern die Ausgaben. Wer seine Jahresausgaben um 200 Euro monatlich senkt, reduziert das Zielportfolio um 60.000 Euro — bei der 4%-Regel. Gleichzeitig kann er diesen Betrag monatlich investieren, was den Aufbau beschleunigt. Beide Effekte zusammen sind enorm.

Die häufigsten Missverständnisse

„Die 4%-Regel bedeutet, dass das Kapital nach 25 Jahren aufgebraucht ist.” Falsch. Die Regel sagt nicht, dass nach 25 Jahren nichts mehr da ist — sie sagt, dass die Rate so gewählt ist, dass das Kapital in der Mehrzahl der Szenarien dauerhaft erhalten bleibt. In vielen Simulationen wächst das Portfolio nach 30 Jahren sogar auf das Zwei- bis Dreifache des Ausgangswerts.

„Bei einem Crash verliere ich alles.” Nein. Ein Marktcrash reduziert vorübergehend den Portfoliowert — aber wer nicht verkauft, realisiert keinen Verlust. Historisch hat sich jeder Marktcrash erholt, auch die Weltwirtschaftskrise der 1930er.

„Die Regel gilt nur für US-Märkte.” Begrenzt korrekt. Die Studie basiert auf US-Daten, aber globale Portfolios zeigen ähnliche Eigenschaften. Wer mit einem MSCI World ETF investiert, ist breit genug gestreut.

„Ich muss genau 4 Prozent entnehmen.” Nein. Die Zahl ist eine Leitlinie, kein starres Protokoll. Flexibilität — weniger entnehmen in schlechten Jahren, mehr in guten — verbessert die Überlebenschance des Portfolios erheblich.

Warum diese Zahl so befreiend ist

Vor der 4-Prozent-Regel war die Frage „Wie viel brauche ich?” kaum beantwortbar. Man konnte schätzen, konnte hoffen, konnte einen Finanzberater fragen — und trotzdem nie sicher sein.

Die Regel gibt der Frage eine klare Antwort. Deine Ausgaben multipliziert mit 25. Das ist deine Zahl. Nicht irgendeine abstrakte Million, die sich nach Willkür anfühlt, sondern eine präzise, aus Daten abgeleitete Größe, die direkt mit deinem Leben zusammenhängt.

Und damit beginnt die eigentliche Arbeit: Das Portfolio aufbauen, bis diese Zahl erreicht ist.

Wie schnell das geht, hängt vom nächsten Artikel ab: deiner Sparquote.

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Social-Media-Agentur-Inhaber, Entwickler und Betreiber von stackero.de.