Der Markt steht auf Allzeithoch. Die Überschriften berichten es, dein Depot-App zeigt grüne Zahlen, und du überlegst, ob jetzt der schlechteste Zeitpunkt zum Investieren ist.
Das Gefühl kennt fast jeder, der ernsthaft über den Einstieg in den Aktienmarkt nachdenkt. „Kaufen, wenn es günstig ist” klingt logisch. Ein Allzeithoch klingt nach dem Gegenteil von günstig. Also wartet man — auf einen Rücksetzer, auf eine Korrektur, auf den Moment, in dem der Markt vernünftiger bewertet ist.
Was man dabei ignoriert: Ein Allzeithoch ist statistisch gesehen kein schlechter Kaufzeitpunkt. Es ist in vielen Fällen sogar ein überdurchschnittlich guter.
Das Paradox des Hochs
Intuitiv ergibt das keinen Sinn. Wenn etwas einen neuen Höchststand erreicht hat, sollte die Wahrscheinlichkeit eines Rücksetzers doch höher sein als sonst, oder?
Nicht unbedingt. Finanzmärkte verhalten sich nicht wie ein Pendel, das automatisch zurückschwingt, sobald es zu weit ausgeschlagen ist. Sie reagieren auf Gewinne, Wachstum, Inflation, Zinsen und Zukunftserwartungen — und all diese Faktoren können über Jahre in eine Richtung laufen.
Ein neues Allzeithoch ist zunächst nichts anderes als eine Information: Der Markt hat den bisherigen Höchststand überschritten. Das sagt für sich allein nichts darüber aus, was danach passiert.
Was die Daten sagen: US-Marktforscher haben untersucht, wie der S&P 500 sich in den 12 Monaten nach einem Allzeithoch entwickelt hat — im Vergleich zu zufällig ausgewählten anderen Tagen. Das Ergebnis: Die Rendite nach Allzeithochs war leicht überdurchschnittlich. Nicht dramatisch besser — aber keineswegs schlechter.
Warum? Weil Märkte, die neue Hochs erreichen, oft in einem starken wirtschaftlichen Umfeld agieren. Allzeithochs treten häufiger in Bullenmärkten auf — und Bullenmärkte dauern oft länger als erwartet.
Wie viel Zeit verbringt der Markt auf Allzeithochs?
Hier kommt eine Zahl, die viele überrascht: Der US-Aktienmarkt verbringt rund ein Viertel seiner gesamten Handelszeit auf oder nahe einem Allzeithoch.
Das bedeutet: Wer nur kauft, wenn der Markt nicht auf einem Allzeithoch ist, schließt sich statistisch aus einem Viertel der verfügbaren Einstiegsfenster aus. Wer auf „günstigere” Zeiten wartet, wartet sehr oft lange — und oft auf Buchverluste, die erst entstehen müssen, bevor er einsteigt.
Für Deutschland war das zuletzt nach dem Russland-Ukraine-Schock 2022 gut zu beobachten. Viele warteten auf günstigere Kurse — bekamen sie — und schafften es trotzdem nicht, zum Tiefpunkt im Oktober 2022 zu kaufen, weil die Nachrichten dort am schlechtesten waren. Der Wiedereinstieg erfolgte oft Monate später, als der Markt bereits wieder deutlich gestiegen war.
Der eigentliche Fehler: zu lange warten
Angenommen, du hast im Januar 2020 entschieden: „Der Markt ist auf einem hohen Niveau, ich warte auf eine Korrektur.” Im März 2020 kam der Corona-Crash — minus 35 % in wenigen Wochen. Perfekt, denkst du — jetzt ist der Moment gekommen.
Aber: Im März 2020 war die Stimmung apokalyptisch. Lockdowns, Wirtschaftsstillstand, unbekanntes Virus, Nachrichten wie in einem Katastrophenfilm. Hättest du wirklich in diesem Umfeld gekauft? Studien zeigen: Die meisten Anleger, die auf eine Korrektur gewartet hatten, kauften auch im März 2020 nicht — weil die Nachrichtenlage zu beunruhigend war.
Der Markt erholte sich innerhalb weniger Monate auf neue Allzeithochs. Wer im Januar 2020 einfach gekauft hätte — auf dem damaligen „Hoch” — war Ende 2020 bereits im Plus.
Das Warten auf einen „besseren” Zeitpunkt funktioniert in der Theorie. In der Praxis verhindert die menschliche Psychologie fast immer, dass man in Krisenmomenten tatsächlich kauft.
ETF-Sparplan-Rechner
Simuliere den Vermögensaufbau mit einem ETF-Sparplan – Endkapital, Zinsg…
Was Allzeithochs über den Markt aussagen
Ein Allzeithoch ist kein Warnsignal — es ist ein Bestätigungssignal. Es zeigt, dass der Markt die vorherigen Kursrückgänge überwunden hat und in neues Territorium vordringt.
In einem langfristig wachsenden Markt sind Allzeithochs keine Ausnahme, sondern die Regel. Wer 1990 in den MSCI World eingestiegen ist, hat seitdem hunderte von Allzeithochs erlebt — gefolgt von weiteren Hochs.
Wer bei jedem Allzeithoch gesagt hätte „jetzt warte ich lieber”, hätte in den letzten 35 Jahren kaum investiert. Und hätte eine der stärksten Marktphasen der Geschichte verpasst.
Wann ist Vorsicht bei Allzeithochs berechtigt?
Es gibt Situationen, in denen erhöhte Bewertungen tatsächlich ein Thema sind — und die man kennen sollte.
Hohe KGVs: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) misst, wie teuer Aktien im Verhältnis zu den Unternehmensgewinnen bewertet sind. Ein KGV von 15 ist historisch günstig, ein KGV von 35 ist teuer. Allzeithochs, die mit sehr hohen KGVs verbunden sind, haben in der Vergangenheit manchmal zu überdurchschnittlich langen Seitwärts- oder Korrekturphasen geführt.
Das bekannteste Beispiel: die Dotcom-Blase um 2000. Wer im Jahr 2000 in den Nasdaq investiert hat, brauchte über 15 Jahre, bis er wieder im Plus war. Aber: Das lag weniger am Allzeithoch selbst als an extremen Bewertungsübertreibungen in einem spezifischen Sektor.
Konzentration beachten: Wenn ein Allzeithoch fast ausschließlich von wenigen überbewerteten Titeln getragen wird — wie es bei US-Tech-Aktien zeitweise der Fall war — lohnt ein Blick auf die Bewertung des Gesamtmarkts im Verhältnis zu historischen Durchschnittswerten.
Für den langfristigen Anleger mit breitem ETF-Investment bleibt der Kernpunkt: Allzeithochs sind kein Stoppsignal.
Die Strategie, die das Problem löst
Der eleganteste Weg, das Allzeithoch-Problem zu umgehen, ist derselbe Weg, der die meisten Timing-Probleme löst: der automatische Sparplan.
Wer monatlich eine feste Summe investiert, kauft auf Allzeithochs, kauft nach Korrekturen, kauft in Seitwärtsphasen. Er nimmt nicht aktiv eine Position zu einem bestimmten Kurs ein — er kauft konsequent, egal was der Markt gerade macht.
Damit ist die Frage „Soll ich jetzt kaufen?” überflüssig. Die Frage wurde bereits beantwortet — immer.
Fazit: Das Allzeithoch ist kein Feind
Wer auf den „richtigen Zeitpunkt” wartet, an dem der Markt nicht auf einem Hoch steht, wartet auf etwas, das seltener kommt als erwartet — und das psychologisch schwer auszunutzen ist, wenn es kommt.
Die Daten sprechen klar: Anleger, die regelmäßig und unabhängig vom Kursniveau investiert haben, haben langfristig besser abgeschnitten als Anleger, die auf günstigere Einstiegszeitpunkte gewartet haben.
Das nächste Allzeithoch ist kein Warnsignal. Es ist eine Einladung — für alle, die schon länger überlegen, wann der richtige Moment ist.