stackero.de
Finanzen

Factor Investing: Was es ist, warum es funktioniert – und warum es schwer ist

Factor Investing verspricht systematische Überrenditen durch Faktoren wie Value, Size, Momentum und Quality. Was die Forschung sagt – und warum die Praxis schwieriger ist als die Theorie.

10. Mai 2026 ca. 5 Min. Lesezeit von Jonathan Scheele
Factor Investing: Was es ist, warum es funktioniert – und warum es schwer ist

Wer sich intensiver mit passivem Investieren beschäftigt, stößt früher oder später auf Factor Investing — auch als „Smart Beta” vermarktet. Die Idee klingt verlockend: Statt einfach den Marktindex zu kaufen, gewichtet man bestimmte Eigenschaften von Aktien über, die historisch zu höheren Renditen geführt haben.

Aber ist Factor Investing tatsächlich besser als ein einfacher MSCI World ETF? Die Antwort ist differenzierter, als die meisten Marketing-Broschüren von ETF-Anbietern vermuten lassen.

Was ist Factor Investing?

Factor Investing ist ein regelbasierter Ansatz, der versucht, systematische Renditequellen — sogenannte Faktoren — zu identifizieren und gezielt zu übergewichten. Die Idee basiert auf wissenschaftlicher Kapitalmarktforschung, insbesondere dem Drei-Faktoren-Modell von Eugene Fama und Kenneth French (1992).

Ein Faktor ist eine Eigenschaft von Aktien, die historisch zu überdurchschnittlichen Renditen geführt hat — über viele Märkte und viele Jahrzehnte hinweg. Die wichtigsten anerkannten Faktoren:

1. Market (Marktrisiko): Aktien bringen langfristig mehr als sichere Anlagen — als Ausgleich für das höhere Risiko. Das ist der einzige Faktor, den ein Standard-ETF auf den MSCI World bereits vollständig abdeckt.

2. Value: Günstig bewertete Aktien (niedriges Kurs-Buch-Verhältnis) haben historisch besser performt als teuer bewertete Wachstumsaktien. Die intuitive Erklärung: Günstige Aktien sind oft solche, die der Markt zu pessimistisch bewertet.

3. Size (Größe): Kleine Unternehmen (Small Caps) haben historisch höhere Renditen erzielt als große Unternehmen (Large Caps). Erklärung: Mehr Risiko, weniger Analystenabdeckung, höhere Wachstumspotenziale.

4. Momentum: Aktien, die in den letzten 12 Monaten gut gelaufen sind, laufen statistisch auch in den nächsten 3–12 Monaten überdurchschnittlich. Ein Gegenintuitives, aber empirisch stabiles Muster.

5. Profitability / Quality: Hochprofitable Unternehmen (hohe Bruttomargen, stabiles Gewinnwachstum) performen langfristig besser. Dieser Faktor wurde durch Robert Novy-Marx (2013) populär gemacht.

6. Low Volatility: Aktien mit geringer Kursvolatilität haben historisch höhere risikobereinigte Renditen erzielt als volatile Aktien — was der klassischen Finanztheorie widerspricht.

Warum existieren Faktorprämien?

Wenn Faktoren wirklich systematisch Überrenditen liefern, stellt sich die Frage: Warum verdampfen sie nicht sofort, wenn alle Investoren sie kennen?

Die Forschung gibt zwei Erklärungen:

Risikobasierte Erklärung: Faktorprämien sind Ausgleich für ein echtes, systematisches Risiko. Value-Aktien performen besser, weil sie tatsächlich risikoreicher sind — sie können in Krisen stärker fallen. Size-Prämien kompensieren das Liquiditätsrisiko kleiner Unternehmen. Wer die Prämie kassieren will, muss das Risiko aushalten.

Verhaltensbasierte Erklärung: Faktorprämien entstehen aus systematischen Fehlern menschlichen Verhaltens. Anleger überreagieren auf schlechte Nachrichten (Value-Effekt), unterschätzen den Momentum-Effekt (weil er der Intuition widerspricht) und bevorzugen bekannte, große Unternehmen (Size-Effekt). Diese Verhaltensanomalien werden nicht sofort arbitragiert, weil sie psychologisch verankert sind.

Beide Erklärungen haben Evidenz — die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte.

ETF-Finder

Finde den passenden ETF nach Index, Region, TER, Ausschüttungsart, Repli…

Die historische Evidenz: Was die Daten sagen

Fama und French haben die Faktorprämien über Jahrzehnte und verschiedene Märkte hinweg untersucht. Die Kernergebnisse:

FaktorHistorische Überrendite p.a. (USA, langfristig)Stabilität
Value (HML)ca. 3–5 %Stark, aber mit langen Durststrecken
Size (SMB)ca. 2–3 %Mäßig, stark abhängig von Zeitraum
Momentumca. 6–8 %Stark, aber mit extremen Crashrisiken
Profitabilityca. 3–4 %Gut, stabiler als Value
Low Volatilityca. 1–3 % (risikobereinigt)Gut in Bärenmärkten

Diese Zahlen sind historische Durchschnittswerte über lange Zeiträume — sie sagen nichts über die nächsten 5 oder 10 Jahre aus.

Das Hauptproblem: „The Pains of Factor Investing”

Hier liegt die größte Herausforderung, die viele Factor-Investing-Anhänger unterschätzen: Die Underperformance-Phasen sind lang, schmerzhaft und fast unvermeidbar.

Value: Von 2007 bis 2020 hat Value global massiv underperformt — 13 Jahre. Wer 2007 in einen Value-ETF umgeschichtet hätte und 2020 aufgegeben hätte, hätte den Gesamtmarkt deutlich schlechter abgeschnitten.

Small Caps: In der Wachstumsphase 2015–2021 haben Small Caps international erheblich schwächer abgeschnitten als Large Caps. Erst 2022 setzte eine Erholung ein.

Momentum: Der Momentum-Faktor hatte 2009 einen der schlimmsten Einbrüche der modernen Finanzgeschichte — sogenannte „Momentum Crash” — als sich günstige und günstig bewertete Aktien rapide erholten und Momentum-Portfolios das Gegenteil hielten.

Die Kernfrage für jeden Factor-Investor: Kannst du 10–15 Jahre underperformance gegenüber dem einfachen MSCI World aushalten, ohne aufzugeben? Die Mehrheit der Anleger kann es nicht — und verkauft genau dann, wenn der Faktor kurz vor seiner Erholung steht.

Factor-ETFs: Was am Markt verfügbar ist

Für Privatanleger gibt es inzwischen zahlreiche Factor-ETFs, die Faktorprämien zu günstigen Kosten zugänglich machen:

Value:

  • iShares Edge MSCI World Value Factor UCITS ETF — TER 0,30 %
  • Xtrackers MSCI World Value UCITS ETF — TER 0,25 %

Momentum:

  • iShares Edge MSCI World Momentum Factor UCITS ETF — TER 0,30 %

Quality / Profitability:

  • iShares Edge MSCI World Quality Factor UCITS ETF — TER 0,30 %
  • Xtrackers MSCI World Quality UCITS ETF — TER 0,25 %

Small Caps:

  • iShares MSCI World Small Cap UCITS ETF — TER 0,35 %
  • Vanguard Global Small-Cap Index Fund UCITS ETF — TER 0,29 %

Multifaktor:

  • iShares Edge MSCI World Multifactor UCITS ETF — TER 0,50 %
  • JPMorgan Global Equity Multi-Factor UCITS ETF — TER 0,19 %

Multifaktor-ETFs kombinieren mehrere Faktoren — der Gedanke ist, dass Faktoren sich zyklisch abwechseln, sodass eine Kombination stabiler ist als einzelne Faktoren.

Soll ich Factor-ETFs in mein Portfolio aufnehmen?

Das hängt von deiner Situation ab:

Factor Investing passt, wenn:

  • Du einen sehr langen Anlagehorizont hast (20+ Jahre)
  • Du empirisch begründeten Überzeugungen über Faktorprämien hast und diese auch nach 10 Jahren Underperformance nicht aufgibst
  • Du die höheren Kosten der Factor-ETFs akzeptierst
  • Du bereit bist, dich tiefer mit dem Thema zu beschäftigen

Factor Investing passt nicht, wenn:

  • Dein Anlagehorizont unter 15 Jahren liegt
  • Du nach schlechten Phasen deine Strategie wechselst (Faktor-Chasing)
  • Du bereits mit einem einfachen Ein-ETF-Portfolio (MSCI World) zufrieden und diszipliniert bist — hier ändert Factor Investing im Erwartungswert wenig
  • Du die Kosten der Factor-ETFs scheust

Die Gerd-Kommer-Strategie: Integriertes Multifactor Investing

Gerd Kommer hat Factor Investing popularisiert und einen eigenen Ansatz entwickelt: das integrierte Multifactor Investing. Die Kernidee ist, nicht in separate Faktor-ETFs zu investieren, sondern einen einzigen Fonds zu nutzen, der mehrere Faktoren gleichzeitig optimiert — und dabei besser diversifiziert ist.

Das Resultat: Der Gerd Kommer Multifactor Equity ETF (LCUW), der von L&G aufgelegt wurde. Er kombiniert Factor Investing mit breiter Diversifikation — ein einzelner ETF, der Value, Quality, Momentum und Low Volatility systematisch übergewichtet.

Kritisch betrachtet: Dieser ETF hat eine TER von 0,50 % — mehr als ein einfacher MSCI World (0,20 %). Ob die Faktorprämien diesen Mehraufwand langfristig aufwiegen, lässt sich erst nach vielen Jahren beurteilen. Historische Faktorprämien sind kein Garantieschein für die Zukunft.

Häufige Fragen

Ist Factor Investing aktives Investieren? Nein — es ist ein regelbasierter, passiver Ansatz, der Faktoren systematisch und ohne menschliche Eingriffe übergewichtet. Der Unterschied zum aktiven Management: Factor-ETFs folgen einem klar definierten, transparenten Regelwerk.

Was ist der Unterschied zwischen Smart Beta und Factor Investing? Praktisch dasselbe. „Smart Beta” ist der Marketingbegriff von ETF-Anbietern; „Factor Investing” der akademische Begriff. Inhaltlich beschreiben beide das regelbasierte Übergewichten bestimmter Aktienmerkmale.

Welcher Faktor ist der beste Einstieg? Quality/Profitability gilt als der stabilste und intuitivste Faktor — Qualitätsunternehmen mit stabilen Gewinnen performen langfristig gut, ohne extreme Drawdowns. Value ist renditestärker, aber emotionell schwerer auszuhalten.

Kann ich Factor Investing mit einem MSCI World kombinieren? Ja. Eine häufige Kombination: 70–80 % MSCI World (breite Diversifikation, günstige Kosten) + 20–30 % Multifaktor-ETF oder einzelne Faktor-ETFs. Das erhöht leicht die Kosten, liefert aber einen moderat diversifizierteren Faktor-Tilt.

Funktionieren Faktoren auch außerhalb der USA? Die Evidenz ist international vorhanden — aber schwächer als in den USA, vor allem für den Value-Faktor. Der Size-Faktor ist international robust. Momentum-Effekte sind global dokumentiert.

Factor Investing praktisch umsetzen: ETFs im Überblick

Value-ETFs:

  • iShares Edge MSCI World Value Factor (IE00BP3QZ825), TER 0,30 %
  • SPDR MSCI World Value (IE00BYWQWR46), TER 0,25 %

Size/Small Cap-ETFs:

  • iShares MSCI World Small Cap (IE00BF4RFH31), TER 0,35 %
  • SPDR MSCI World Small Cap (IE00BCBJG560), TER 0,45 %

Momentum-ETFs:

  • iShares Edge MSCI World Momentum (IE00BP3QZ601), TER 0,30 %

Quality-ETFs:

  • iShares Edge MSCI World Quality (IE00BP3QZ494), TER 0,30 %

Multifaktor-ETFs:

  • iShares Edge MSCI World Multifactor (IE00BZ0PKT83), TER 0,50 %
  • MSCI World Diversified Multiple-Factor (diverse Anbieter), TER 0,25–0,40 %

Die akademische Debatte: Sind Faktorprämien verschwunden?

Seit der Veröffentlichung der ursprünglichen Fama-French-Studien in den 1990er Jahren ist eine wichtige Frage offen: Hat die akademische Bekanntheit der Faktoren dazu geführt, dass sie sich wegdiversifiziert haben?

Argumente dafür, dass Faktorprämien gesunken sind:

  • Value-Prämie hat von 2010–2020 besonders schlecht abgeschnitten
  • Mehr Kapital fließt in Factor-Strategien → Arbitrage-Möglichkeiten schrumpfen

Gegenargumente:

  • Faktoren sind durch Risikoprämien erklärt, nicht durch Anomalien – Risikoprämien bleiben
  • Langfristige Evidenz über 80+ Jahre bleibt robust
  • Kurzfristige Underperformance ist kein Beweis für das Verschwinden

Die ehrliche Antwort: Wir wissen es nicht sicher. Factor Investing ist eine gut begründete Wette, keine Garantie.

Wann Factor Investing aufhört zu funktionieren: Die Geduld-Anforderung

Ein entscheidendes Problem beim Factor Investing: Es erfordert Geduld über viele Jahre hinweg, auch wenn es underperformt.

Historische Underperformance-Phasen:

  • Value 2007–2020: 13 Jahre mit Underperformance gegenüber MSCI World
  • Small Cap 2000–2005: mehrjährige schwache Phase

Wer nach 3 Jahren Underperformance aufgibt und in den MSCI World wechselt, holt sich möglicherweise das Schlechteste aus beiden Welten.

Psychologische Anforderung: Factor Investing funktioniert nur für Anleger, die es trotz langer Durststrecken durchhalten. Das ist eine Form von Charaktertest, den viele nicht bestehen.

Fazit

Factor Investing ist kein Hokuspokus — es ist akademisch solide fundiert, empirisch over viele Jahrzehnte und Märkte dokumentiert, und über kostengünstige ETFs zugänglich. Aber es ist auch kein einfaches „mehr Rendite ohne mehr Aufwand”.

Die wahre Herausforderung ist nicht die Theorie, sondern die Praxis: lange Underperformance-Phasen aushalten, ohne zu wechseln. Wer das schafft, hat gute Chancen, langfristig etwas mehr Rendite zu erzielen als mit einem einfachen Welt-ETF. Wer nach schlechten Phasen die Strategie wechselt, hat das Schlechteste aus beiden Welten.

Für die meisten Privatanleger gilt: Ein einfacher MSCI World oder FTSE All-World ist die bessere Ausgangsbasis — und Factor Investing ist eine sinnvolle Ergänzung nur für diejenigen, die verstehen, warum sie es tun, und sich sicher sind, dass sie es langfristig durchhalten.

Weitere Artikel

Jonathan Scheele

Jonathan Scheele

Social-Media-Agentur-Inhaber, Entwickler und Betreiber von stackero.de.