Wohneigentum ist in Deutschland kulturell aufgeladen. „Betongold” nennt man es — eine sichere, greifbare, inflationsgeschützte Anlageform. Wer kauft, baut Vermögen auf. Wer mietet, zahlt für andere.
Diese Überzeugung ist tief verankert. Und sie ist — wie viele tiefe Überzeugungen — nur teilweise wahr.
Kaufen kann die richtige Entscheidung sein. Es ist aber keine universell überlegene Entscheidung, und in vielen Situationen ist Mieten finanziell vernünftiger. Wer das versteht, kauft bewusster — oder mietet bewusst und investiert den Unterschied.
Die echten Kosten des Kaufens
Der häufigste Fehler beim Immobilienkauf: nur den Kaufpreis und die monatliche Rate im Blick zu haben.
Kaufnebenkosten sind der erste blinde Fleck. In Deutschland sind das:
- Grunderwerbsteuer: Je nach Bundesland 3,5 % (Bayern, Sachsen) bis 6,5 % (Brandenburg, NRW, Schleswig-Holstein) des Kaufpreises
- Notarkosten und Grundbucheintrag: rund 1,5–2 % des Kaufpreises
- Maklerprovision: seit 2020 geteilt zwischen Käufer und Verkäufer, in der Regel 3,57 % je Seite (inkl. MwSt.) — regional unterschiedlich
Bei einem Kaufpreis von 400.000 Euro summieren sich Nebenkosten schnell auf 30.000–50.000 Euro. Diese sind sofort weg — du baust keinen Gegenwert damit auf.
Laufende Kosten kommen hinzu:
- Instandhaltungsrücklage: Richtwert 1–2 € pro m² pro Monat (bei 100 m² also 100–200 € monatlich)
- Grundsteuer: je nach Gemeinde sehr unterschiedlich, typisch 50–200 € monatlich
- Hausgeld bei Eigentumswohnungen: enthält Gemeinschaftskosten, Rücklage, Verwaltung — oft 200–500 € monatlich
Opportunitätskosten werden am seltensten bedacht: Das Eigenkapital, das du in die Immobilie steckst — in der Regel 20 % des Kaufpreises plus Nebenkosten — ist gebundenes Kapital. Es wächst nicht mehr im Depot. Wer 100.000 Euro als Eigenkapital einbringt, verzichtet auf dessen Rendite an den Kapitalmärkten.
Der Break-even: Wie lange musst du bleiben?
Wegen der hohen Nebenkosten braucht es Zeit, bis sich Kaufen gegenüber Mieten finanziell rechnet. Dieser Zeitpunkt heißt Break-even.
Faustformel: Bei durchschnittlichen deutschen Verhältnissen liegt der Break-even oft bei 7–12 Jahren. Wer vorher wieder verkauft, hat häufig schlechter abgeschnitten als jemand, der gemietet und investiert hätte.
Das bedeutet konkret: Wer sich nicht sicher ist, ob er in den nächsten 10 Jahren in derselben Stadt bleibt, sollte den Kauf sehr sorgfältig abwägen. Jobwechsel, Familiengründung, Beziehungsänderungen, Stadtveränderungen — all das kann früher als geplant einen Verkauf erzwingen.
Ein erzwungener Verkauf nach fünf Jahren kann trotz gestiegenem Marktpreis ein finanzielles Minus bedeuten, wenn Nebenkosten, Vorfälligkeitsentschädigung und Transaktionskosten eingerechnet werden.
Finanzierung: Was Banken dir nicht sagen
Eigenkapital: Banken finanzieren selten 100 %. Üblich sind 80 % Beleihungsauslauf, d.h. du brauchst mindestens 20 % des Kaufpreises plus Nebenkosten aus eigener Tasche. Bei 400.000 Euro Kaufpreis: 80.000 Euro Eigenkapital plus ca. 40.000 Euro Nebenkosten = 120.000 Euro Eigenkapital.
Wer das nicht hat, kann auf 90 %- oder sogar 100 %-Finanzierungen ausweichen — aber zu deutlich schlechteren Konditionen und mit höherem Risiko.
Zinsbindung: Du wählst bei der Finanzierung eine Zinsbindungsdauer — typisch 10, 15 oder 20 Jahre. Danach muss anschlussfinanziert werden. Wer in einer Niedrigzinsphase kauft, profitiert lange. Wer beim Auslaufen einer teuren Phase anschlussfinanziert, kann erheblich entlastet werden. Das Risiko: Du weißt heute nicht, wo die Zinsen in 10 oder 15 Jahren stehen.
Tilgung: Je höher dein anfänglicher Tilgungssatz, desto schneller baust du Schulden ab — und desto schneller gehört die Immobilie dir. Niedriger Tilgungssatz bedeutet geringe monatliche Rate, aber lange Laufzeit und hohe Gesamtzinskosten. Empfehlung: mindestens 2 % anfängliche Tilgung, besser 3 %.
Vorfälligkeitsentschädigung: Wenn du den Kredit vorzeitig ablösen willst — etwa weil du verkaufst oder umschuldest — kann die Bank eine erhebliche Vorfälligkeitsentschädigung verlangen. Das kann Zehntausende Euro ausmachen und ist beim Kaufentscheid selten einkalkuliert.
Regionale Unterschiede: Deutschland ist kein einheitlicher Markt
Die Wohnungsmärkte in Deutschland unterscheiden sich fundamental.
In München, Frankfurt, Hamburg und Berlin waren die Kaufpreise in den Boom-Jahren 2010–2022 so stark gestiegen, dass Kaufen für viele Menschen schlicht nicht mehr finanzierbar war — und Mieten im Vergleich rationaler. Das Verhältnis von Kaufpreis zu Jahresmiete (sogenannter Vervielfältiger) lag in diesen Städten zeitweise bei 35–50. Das bedeutet: Du zahlst 35–50 Jahresmieten für den Kauf einer vergleichbaren Wohnung.
In strukturschwächeren Regionen — Teile des Ruhrgebiets, ostdeutsche Kleinstädte — lagen diese Faktoren bei 15–20. Hier war Kaufen gemessen an der Miete deutlich attraktiver.
Ab 2022 haben steigende Zinsen die Kaufpreise in den Metropolen unter Druck gesetzt. Das Verhältnis hat sich leicht verbessert. Aber es ist weiterhin deutlich teurer als in vielen anderen europäischen Ländern oder außerhalb der Ballungsräume.
Die entscheidende Frage pro Region: Was kostet die Miete einer vergleichbaren Wohnung? Was kostet der Kauf? Der Vervielfältiger (Kaufpreis / Jahreskaltmiete) zeigt, wie lange du warten müsstest, bis sich der Kauf durch ersparte Miete amortisiert — ohne Zinsen, Instandhaltung und Opportunitätskosten.
Unter 20: Kaufen ist in der Regel attraktiv. 20–30: Differenziert abwägen. Über 30: Mieten ist oft finanziell überlegen, wenn die Differenz investiert wird.
Wann Kaufen trotzdem sinnvoll ist
Finanzmathematik ist nicht alles. Es gibt gute Gründe zu kaufen, die über reine Renditeüberlegungen hinausgehen:
Planungssicherheit: Wer kauft, kennt seine Wohnkosten langfristig. Kein Mieterhöhungsschreiben, kein Eigenbedarf, kein unfreiwilliger Umzug.
Gestaltungsfreiheit: Eigentum kann verändert, renoviert, angepasst werden. Für viele Menschen ist das ein echter, kaum quantifizierbarer Wert.
Altersvorsorge: Eine abbezahlte Immobilie im Rentenalter bedeutet keine Mietbelastung mehr — ein erheblicher Faktor, wenn das Renteneinkommen niedriger ist als das Arbeitseinkommen.
Emotionaler Wert: Das eigene Heim ist für viele Menschen mehr als eine Finanzentscheidung. Wer diesen Wert schätzt, zahlt dafür — bewusst.
Der Fehler wäre, diese nicht-finanziellen Faktoren zu ignorieren. Genauso falsch wäre es, sie ohne finanzielle Prüfung als ausreichende Begründung zu behandeln.
Die Checkliste vor dem Kauf
Bevor du kaufst, solltest du diese Fragen beantworten können:
- Wie lange bleibe ich voraussichtlich? (Mindestens 10 Jahre)
- Habe ich genug Eigenkapital? (Mindestens 20 % + Nebenkosten)
- Liegt die monatliche Rate unter 30–35 % meines Nettoeinkommens?
- Habe ich nach Eigenkapital noch einen Notgroschen?
- Ist die Lage langfristig stabil — wirtschaftlich und infrastrukturell?
- Habe ich eine Instandhaltungsrücklage eingeplant?
- Habe ich den Vervielfältiger für die Region berechnet?
Wer alle Fragen mit Ja beantworten kann: Kaufen ist eine valide Option. Wer mehr als zwei mit Nein beantwortet: noch nicht.