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Sichere Entnahmerate im Ruhestand: Was wirklich funktioniert

Die 4%-Regel ist der bekannteste Richtwert für Entnahmen im Ruhestand – aber stimmt sie für Deutschland? Was Sequenzrisiko bedeutet und wie du dein Depot sicher entsparst.

10. Mai 2026 ca. 5 Min. Lesezeit von Jonathan Scheele
Sichere Entnahmerate im Ruhestand: Was wirklich funktioniert

Du hast 30 Jahre gespart und ein Aktiendepot aufgebaut. Jetzt stellst du dir die entscheidende Frage: Wie viel kann ich jährlich entnehmen, ohne das Kapital vorzeitig aufzubrauchen? Die Antwort hängt von Faktoren ab, die die meisten Ruheständler unterschätzen — und die populäre „4%-Regel” gibt nur einen groben Anhaltspunkt.

Die 4%-Regel: Herkunft und Grenzen

Die 4%-Regel stammt aus der Trinity-Studie (1998, aktualisiert 2011), durchgeführt von drei Professoren der Trinity University in Texas. Sie analysierte, welche Entnahmerate ein 30-jähriges Ruhestand-Portfolio historisch überlebt hätte — basierend auf US-Aktien- und Anleihendaten von 1926–1995.

Ergebnis der Studie: Bei einem Portfolio aus 50 % Aktien und 50 % Anleihen und einer jährlichen Entnahme von 4 % des ursprünglichen Kapitals (inflationsbereinigt fortgeschrieben) hat das Portfolio in 96 % aller historischen 30-Jahres-Fenster überlebt.

Das klingt beruhigend. Aber die Studie hat wichtige Einschränkungen:

1. US-Markt-Bias: Die Studie basiert auf US-Daten — dem am besten performenden Aktienmarkt des 20. Jahrhunderts. Für einen deutschen oder europäischen Anleger mit globalem Portfolio sind die historischen Renditen möglicherweise niedriger.

2. 30-Jahres-Horizont: Wer mit 60 Jahren in Rente geht und 90 wird, braucht 30 Jahre. Wer mit 40 Jahren FIRE anstrebt, braucht 50 Jahre. Die 4%-Regel versagt bei längeren Horizonten deutlich öfter.

3. Heutige Bewertungen: Die Studie basiert auf historischen Daten. Wer in einer Phase mit hohen Aktien-Bewertungen (CAPE-Ratio über 30) und niedrigen Anleiherenditen in den Ruhestand geht, hat schlechtere Ausgangsbedingungen als die historischen Durchschnitte.

4. Keine Steuer: US-Steuern und Quellensteuer wurden in der Originalstudie nicht vollständig berücksichtigt. Deutsche Anleger zahlen 26,375 % Abgeltungssteuer auf Gewinne — was die effektive Entnahmerate reduziert.

Das Sequenzrisiko: Der gefährlichste Faktor

Das am häufigsten unterschätzte Risiko beim Entsparen heißt Sequence-of-Returns Risk — Sequenzrisiko. Es beschreibt folgendes: Zwei Anleger mit identischem Durchschnittsrendite-Verlauf können am Ende völlig unterschiedliche Ergebnisse haben — je nachdem, wann die schlechten Jahre kommen.

Beispiel:

  • Anleger A: erste 5 Jahre hohe Renditen (+10 % p.a.), dann 5 Jahre schwach (+2 % p.a.)
  • Anleger B: erste 5 Jahre schwach (+2 % p.a.), dann 5 Jahre stark (+10 % p.a.)
  • Durchschnittsrendite: identisch — ca. +6 % p.a.

Wer Kapital entnimmt, ist Anleger B in einer deutlich schlechteren Position: Er verkauft in den ersten schlechten Jahren viele Anteile zu niedrigen Kursen. Diese Anteile fehlen für die spätere Erholung. Anleger A verkauft in guten Jahren weniger Anteile und profitiert mehr von der späteren Erholung.

Konsequenz: Wer kurz nach dem Renteneintritt einen schweren Crash erlebt, kann — selbst mit einer theoretisch nachhaltigen Entnahmerate — sein Portfolio vorzeitig erschöpfen.

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Welche Entnahmerate ist realistisch für Deutschland?

Aktuelle Forschung (unter anderem Pfau, Kitces, Blanchett) kommt für internationale Anleger mit globalen Portfolios und europäischer Steuerbelastung zu konservativeren Schätzungen:

AnlagehorizontEmpfohlene jährliche Entnahmerate
20 Jahre (Rente mit 70)4,5–5,0 %
30 Jahre (Rente mit 60)3,5–4,0 %
40 Jahre (Rente mit 50)3,0–3,5 %
50 Jahre (FIRE mit 40)2,5–3,0 %

Diese Zahlen gelten für ein breit diversifiziertes, global ausgerichtetes Aktienportfolio (70–100 % Aktien), ohne den spezifischen Steuerabzug. Nach deutschen Steuern (26,375 % auf Gewinne) reduzieren sich diese Werte nochmals leicht.

Entnahmestrategien im Vergleich

1. Feste Entnahme (klassische 4%-Regel): Jedes Jahr wird ein fixer inflationsbereinigter Betrag entnommen — unabhängig vom Depotwert.

Vorteil: Planbar, einfach. Nachteil: In schlechten Jahren wird trotzdem viel entnommen, das Sequenzrisiko schlägt voll durch.

2. Prozentuale Entnahme (% vom aktuellen Depotwert): Jedes Jahr wird ein fixer Prozentsatz des aktuellen Depotwerts entnommen — nicht des ursprünglichen.

Vorteil: Sequenzrisiko deutlich reduziert (in schlechten Jahren wird weniger entnommen). Nachteil: Das Einkommen schwankt stark — in Crash-Jahren kann die Entnahme stark fallen.

3. Dynamische Entnahme (Guardrails-Methode): Eine Basisentnahme wird festgelegt. Wenn der Depotwert um mehr als 20 % über dem Zielwert liegt, wird mehr entnommen. Wenn er um mehr als 10 % darunter liegt, wird weniger entnommen.

Vorteil: Kombination aus Planbarkeit und Flexibilität. Nachteil: Erfordert jährliche Überprüfung und Anpassung.

4. Bucket-Strategie (Eimerprinzip): Das Portfolio wird in drei „Eimer” aufgeteilt:

  • Eimer 1 (1–2 Jahre): Tagesgeld/Festgeld für laufende Ausgaben
  • Eimer 2 (3–7 Jahre): Anleihen/konservative Mischfonds
  • Eimer 3 (8+ Jahre): Aktien-ETFs für langfristiges Wachstum

Vorteil: Psychologisch stabil — auch bei Aktienabsturz gibt es genug Cash für 1–2 Jahre. Nachteil: Suboptimale Gesamtrendite durch hohen Cash-Anteil; erhöhte Komplexität.

Das Steuer-Problem beim Entsparen

In der Ansparphase ist die steuerliche Situation einfach: Vorabpauschale zahlen, ansonsten nichts tun. In der Entnahmephase wird es komplizierter.

Jede Entnahme (Verkauf von ETF-Anteilen) löst Steuer auf den enthaltenen Kapitalgewinn aus. Das reduziert das verfügbare Nettoeinkommen erheblich.

Beispiel:

  • Entnahme: 40.000 € brutto
  • Einstandskurs (gewichtet): 50 % des Verkaufskurses → Gewinn: 20.000 €
  • Steuer: 20.000 € × 0,7 × 26,375 % = ca. 3.693 €
  • Nettoeinkommen aus Entnahme: ca. 36.307 €

Um netto 40.000 € zu erhalten, müssen brutto ca. 44.000 € verkauft werden.

Steueroptimierte Entnahme:

  • Sparerpauschbetrag (1.000/2.000 €) jährlich ausschöpfen — erste Gewinne sind steuerfrei
  • In Jahren mit niedrigen anderen Einnahmen mehr entnehmen (falls persönlicher Steuersatz eine Rolle spielt)
  • ETF-Rentenversicherung für einen Teil des Kapitals nutzen: Bei Auszahlung ab 62 nach 12 Jahren Laufzeit gilt Halbeinkünfteverfahren — effektiv nur ca. 13–17 % Steuer statt 26,375 %

Rentenversicherung vs. selbst entnehmen

Eine Alternative zur selbst gesteuerten Entnahme ist die Verrentung — das Kapital wird gegen eine lebenslange Rente getauscht (Leibrente). Der entscheidende Vorteil: kein Langlebigkeitsrisiko. Egal wie alt man wird, die Rente fließt weiter.

Die entscheidenden Nachteile:

  • Die Rendite (implizit) ist oft gering — Versicherungen berechnen eigene Sterblichkeitstabellen und Kosten
  • Das Kapital geht verloren — Hinterbliebene erben nichts
  • Inflationsschutz ist oft schwach oder nicht vorhanden

Für die meisten Privatanleger ist ein hybrides Modell sinnvoll: Einen Teil des Kapitals verrenten (für ein planbares Mindesteinkommen als Sockel), den Rest selbst entnehmen.

Häufige Fragen

Was ist FIRE und welche Entnahmerate gilt dort? FIRE (Financial Independence, Retire Early) bezeichnet das Konzept, früh genug Kapital aufzubauen, um dauerhaft von den Erträgen zu leben. Bei einem Zeithorizont von 50+ Jahren empfehlen die meisten FIRE-Forscher eine Entnahmerate von 2,5–3,0 % — deutlich konservativer als die 4%-Regel.

Sollte ich im Ruhestand noch Aktien halten? Ja — aber mit geringerer Quote als in der Ansparphase. Auch mit 70 Jahren hat man statistisch noch 15–20 Jahre Lebenserwartung. Ein Portfolio ohne Aktien verliert real durch Inflation. Eine Aktienquote von 40–60 % im frühen Ruhestand ist für viele angemessen.

Kann ich mein Depot aufbrauchen oder soll etwas übrig bleiben? Das ist eine persönliche Entscheidung. Wer Erben hinterlassen möchte, plant konservativ und entnimmt weniger. Wer das gesamte Kapital selbst verbrauchen will (und die Unsicherheit über die Lebenserwartung akzeptiert), kann eine höhere Rate wählen oder Rentenversicherungen für das Langlebigkeitsrisiko nutzen.

Was ist, wenn ich früher als geplant sterbe? Dann hat das Depot mehr als geplant überlebt — und Erben profitieren. Das ist für Anleger, die konservativ planen, eigentlich kein Problem.

Wann sollte ich mit der Entnahmeplanung beginnen? Spätestens 5 Jahre vor dem geplanten Ruhestand. In dieser Phase sollte die Asset Allokation schrittweise angepasst (Aktienquote leicht senken), die Bucket-Strategie vorbereitet und die steuerliche Entnahmeplanung begonnen werden.

Entnahmephase und Steuern: Was viele nicht wissen

In der Entnahmephase werden ETF-Anteile verkauft. Das löst Abgeltungssteuer auf Gewinne aus:

Steuerliche Optimierung:

  • FIFO-Prinzip: Die zuerst gekauften Anteile gelten als zuerst verkauft (höchste Gewinne = höchste Steuern)
  • Gegenmaßnahme: Sparerpauschbetrag jährlich ausschöpfen (1.000 € Singles, 2.000 € Verheiratete)
  • Verlustverrechnung: Verluste aus anderen Positionen mit Gewinnen verrechnen

Halbeinkünfteverfahren bei ETF-Rentenversicherung: Wer Geld im Versicherungsmantel hatte, zahlt bei Auszahlung nach dem 62. Lebensjahr (Mindestlaufzeit 12 Jahre) nur auf 50 % der Erträge Einkommensteuer – nicht 26,375 % Abgeltungssteuer. Das kann bei großen Summen sehr vorteilhaft sein.

Gürtelmethode: Ein pratischer Entnahmeplan

Eine konkrete Umsetzungsmethode für die Entnahmephase:

Schritt 1 – Grundbedarf sichern: Gesetzliche Rente + Betriebsrente + Mieteinnahmen decken Fixkosten (Wohnung, Essen, Versicherungen). Kein Depot-Verkauf nötig.

Schritt 2 – Lifestyle-Budget: Extras (Reisen, Hobbys, Geschenke) werden aus dem ETF-Depot finanziert. Jährliche Entnahme: 3–4 % des Depots.

Schritt 3 – Pufferpool: 2–3 Jahresbedarfe auf Tagesgeld als Puffer. Wird nach guten Börsenjahren aufgefüllt, in Crashjahren verwendet. Das verhindert Zwangsverkäufe.

Langlebigkeitsrisiko: Was wenn du 100 Jahre alt wirst?

Beim Planen der Entnahmerate ist das Langlebigkeitsrisiko ein unterschätzter Faktor:

Lebenserwartung Deutschland 2026:

  • Mann, 65 Jahre: weitere Lebenserwartung ~19 Jahre (bis 84)
  • Frau, 65 Jahre: weitere Lebenserwartung ~22 Jahre (bis 87)
  • Mit 50 % Wahrscheinlichkeit stirbt einer der zwei Partner eines Paares nach dem 90. Lebensjahr

Was das für die Entnahmeplanung bedeutet:

  • 30-Jahres-Horizont ist nicht übertrieben für einen 65-jährigen
  • Die 4 %-Regel wurde für 30 Jahre getestet – bei 40-jährigem Horizont sind 3,5 % sicherer
  • Eine Leibrente (annuisierung) kann das Langlebigkeitsrisiko komplett eliminieren

Rentenversicherung mit Kapitalwahlrecht: Flexibler Kompromiss

Wer sich nicht zwischen Kapital (flexibel) und Rente (sicher) entscheiden will:

Rentenversicherung mit Kapitalwahlrecht:

  • Zu Rentenbeginn: Wahlrecht zwischen Einmalzahlung und lebenslanger Rente
  • Entscheidung kurz vor dem Renteneintritt – dann mehr Daten (Gesundheit, Steuer, Bedarf)
  • Mit ETFs im Versicherungsmantel: hohe Rendite + lebenslange Rente möglich

Das kombiniert die Rendite eines ETF-Depots mit der Sicherheit einer Leibrente.

Fazit

Die 4%-Regel ist ein nützlicher Ausgangspunkt — aber kein Naturgesetz. Für deutsche Anleger mit langen Horizonten, europäischen Märkten und Steuerbelastung sind 3,0–3,5 % realistischer. Das Sequenzrisiko in den ersten Rentnerjahren ist der gefährlichste Faktor und sollte durch flexible Entnahmestrategien oder Cash-Puffer abgemildert werden.

Das wichtigste Mittel gegen alle Unsicherheiten: Das eigene Portfolio groß genug aufbauen, um konservative Entnahmeraten zu ermöglichen — und eine hybride Strategie (selbst entnehmen + teilweise Verrentung) für maximale Stabilität nutzen.

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Jonathan Scheele

Jonathan Scheele

Social-Media-Agentur-Inhaber, Entwickler und Betreiber von stackero.de.