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Thesaurierend oder Ausschüttend? Die Steuerfrage vollständig erklärt

Thesaurierend vs. ausschüttend ETF: Vorabpauschale, Steuerstundungseffekt, Sparerpauschbetrag – wann welche Variante wirklich mehr Geld bringt.

10. Mai 2026 ca. 5 Min. Lesezeit von Jonathan Scheele
Thesaurierend oder Ausschüttend? Die Steuerfrage vollständig erklärt

Ausschüttend oder thesaurierend? Wer einen ETF kauft, begegnet dieser Frage zwangsläufig — und die meisten Antworten, die man dazu findet, sind entweder zu vereinfacht oder veraltet. Seit der Investmentsteuerreform 2018 hat sich die Sachlage deutlich verändert. Der frühere klare Vorteil thesaurierender ETFs hat sich relativiert, aber unter bestimmten Bedingungen bleibt er real.

Dieser Artikel erklärt die steuerliche Mechanik vollständig, zeigt konkrete Rechenbeispiele und gibt eine klare Empfehlung — je nach deiner persönlichen Situation.

Die Grundbegriffe

Thesaurierend bedeutet: Dividenden und Zinserträge, die der ETF von seinen Positionen erhält, werden nicht ausgezahlt, sondern automatisch im Fonds reinvestiert. Der Preis des ETF-Anteils steigt entsprechend. Du erhältst keine Zahlung, aber dein Depotanteil wächst kontinuierlich.

Ausschüttend bedeutet: Dividenden und Zinserträge werden in festgelegten Intervallen (meist quartalsweise oder jährlich) an die Anleger ausgezahlt. Der ETF-Kurs sinkt zum Ausschüttungstermin um den ausgeschütteten Betrag (sogenannter Dividendenabschlag). Das ausgezahlte Geld liegt dann auf deinem Verrechnungskonto und kann reinvestiert oder ausgegeben werden.

In beiden Fällen verdienst du dasselbe — solange du die Ausschüttung sofort reinvestierst. Der Unterschied liegt ausschließlich in der steuerlichen Behandlung und dem psychologischen Erleben.

Das Steuersystem vor 2018 — und warum alles anders wurde

Vor der Reform 2018 hatten thesaurierende ETFs (insbesondere ausländische) einen erheblichen Steuervorteil: Sie konnten Erträge über Jahre oder Jahrzehnte aufbauen, ohne dass der Anleger zwischenzeitlich Steuern zahlen musste. Der Zinseszins wirkte ungemindert. Erst beim Verkauf fiel Steuer auf alle aufgestauten Gewinne an.

Diesen Vorteil hat der Gesetzgeber mit der Investmentsteuerreform 2018 weitgehend abgeschafft. Das neue System hat drei zentrale Elemente:

  1. Vorabpauschale: Eine jährlich anfallende Pauschalsteuer auf einen fiktiven Mindestgewinn
  2. Teilfreistellung: Ein steuerfreier Anteil auf Erträge aus Aktienfonds (30 % für Aktien-ETFs)
  3. Anrechnung beim Verkauf: Bereits über die Vorabpauschale versteuerte Gewinne werden beim Verkauf gegengerechnet — es entsteht keine Doppelbesteuerung

Steuermechanik 2026: Die Vorabpauschale

Seit der Investmentsteuerreform 2018 zahlen thesaurierende ETFs jährlich eine „Vorabpauschale” — eine fiktive Mindestrendite, die versteuert werden muss, auch wenn du nichts verkauft hast.

Berechnung 2026:

  • Basiszins 2026: 2,29 % (Bundesbank)
  • Vorabpauschale = Fondswert Anfang Jahr × Basiszins × 0,7 × Teilfreistellung
  • Bei Aktien-ETFs: 30 % Teilfreistellung → effektiv × 0,7

Berechnungsbeispiele nach Depotgröße:

DepotgrößeVorabpauschaleSteuer darauf
10.000 €160,30 €42,28 €
50.000 €801,50 €211,40 €
100.000 €1.603,00 €422,79 €
200.000 €3.206,00 €845,58 €

Dieser Betrag wird im Januar vom Verrechnungskonto abgebucht. Der Broker erledigt das automatisch. Liegt der Betrag unter dem Sparerpauschbetrag (1.000 € für Singles, 2.000 € für Verheiratete), fällt keine Steuer an.

Wichtig: Wenn der ETF im abgelaufenen Jahr weniger Rendite erzielt hat als die Vorabpauschale (z. B. bei einem Crash-Jahr), wird die Vorabpauschale auf null reduziert oder entfällt ganz. Sie ist also kein fixer Betrag, sondern eine Mindeststeuer, die an die tatsächliche Marktentwicklung geknüpft ist.

Vorabpauschale-Rechner

Berechne die Vorabpauschale für thesaurierende ETFs und die darauf fälli…

Ausschüttende ETFs: Wann zahlen sie Steuern?

Bei ausschüttenden ETFs fällt Steuer direkt bei jeder Ausschüttung an — nicht über die Vorabpauschale, sondern sofort auf den ausgeschütteten Betrag:

Steuer = Ausschüttungsbetrag × 70 % × 26,375 %

(70 %, weil 30 % Teilfreistellung bei Aktien-ETFs)

Beispiel: 50.000 € Depot, Ausschüttungsrendite 2 % = 1.000 € Ausschüttung

  • Steuerpflichtig: 1.000 € × 0,7 = 700 €
  • Steuer: 700 € × 26,375 % = 184,63 €

Bei ausschüttenden ETFs fällt also mehr Steuer im Jahr an als bei thesaurierenden. Der ausgeschüttete Betrag ist nach der Steuer verfügbar, muss aber vom Anleger selbst reinvestiert werden — was Transaktionskosten und Aufwand bedeutet.

Konkreter Vergleich: 50.000 € Depot 2026

ThesaurierendAusschüttend
Jährliche Erträge (3 %)Werden reinvestiert1.500 € Ausschüttung
Steuern sofort~212 € Vorabpauschale~396 € auf Ausschüttung
SteuerstundungsvorteilJa (Rest wird bei Verkauf versteuert)Nein
Geeignet fürLangfristige AnlegerAnleger mit Einkommensbedarf

Vorteil thesaurierend: Der Steuerstundungseffekt. Ein Teil der Steuern auf Erträge wird erst bei Verkauf fällig — das Kapital wächst in der Zwischenzeit unversteuert weiter.

Direkter Vergleich: 100.000 € über 20 Jahre

Annahmen: 100.000 € Startkapital, 7 % Jahresrendite, Abgeltungssteuer 26,375 %, kein Sparerpauschbetrag verfügbar.

ThesaurierendAusschüttend (mit sofortiger Reinvestition)
Endkapital (brutto)ca. 387.000 €ca. 387.000 €
Jährliche SteuerlastNiedrig (Vorabpauschale)Höher (Sofortbesteuerung)
SteuerstundungseffektJaNein
Aufwand für ReinvestitionKeinerManuell oder automatisch
Endkapital (netto geschätzt)ca. 305.000 €ca. 295.000 €

Der Unterschied von rund 10.000 € nach 20 Jahren stammt aus dem Steuerstundungseffekt: Beim thesaurierenden ETF wächst das noch unbesteuerte Kapital länger mit. Beim ausschüttenden ETF wird jede Dividende sofort besteuert, und nur der Rest wächst weiter.

Tipp: Sparerpauschbetrag voll ausnutzen

Singles haben 1.000 €, Verheiratete 2.000 € steuerfrei. Wer ein kleines Depot hat und die Vorabpauschale unter dem Pauschbetrag liegt, zahlt gar keine Steuern — weder bei thesaurierend noch bei ausschüttend.

Optimierungstipps:

Tipp 1: Freistellungsauftrag beim Broker stellen, damit der Pauschbetrag automatisch verrechnet wird. Ohne Freistellungsauftrag zieht der Broker automatisch 26,375 % ab — auch auf steuerfreie Erträge.

Tipp 2: Paare können den gemeinsamen Sparerpauschbetrag (2.000 €) auf zwei Depots aufteilen — je 1.000 € pro Person. Das maximiert den steuerfreien Bereich.

Tipp 3: Wenn dein Depot klein ist (unter ca. 40.000 €) und du keine anderen Kapitalerträge hast, liegt die Vorabpauschale oft unter 1.000 € — du zahlst gar keine Steuer. In diesem Fall ist die Unterscheidung thesaurierend/ausschüttend völlig irrelevant.

Der quantitative Unterschied: Was kostet die Wahl?

Über 30 Jahre bei einem 10.000 €-Einmalinvestment und 7 % Gesamtrendite (3 % Dividenden, 4 % Kursgewinn):

Thesaurierend:

  • Vorabpauschale jährlich: je nach Basiszins und Depotentwicklung ca. 50–200 €
  • Abgeltungssteuer bei Verkauf nach 30 Jahren auf alle Kursgewinne

Ausschüttend:

  • Dividenden von 3 % jährlich vollständig versteuert
  • Bei 10.000 € Depot: ca. 79 € Steuer pro Jahr
  • Summe über 30 Jahre: ~2.370 € zusätzliche Steuern

Vorteil thesaurierend über 30 Jahre: ~1.500–3.000 €

Der Vorteil ist real, aber überschaubar. Entscheidender ist die regelmäßige Sparrate und das Durchhalten in Crashphasen.

Wann ist ausschüttend trotzdem die bessere Wahl?

Regelmäßiges passives Einkommen: Im Ruhestand oder bei FIRE-Strategien wollen viele regelmäßige Ausschüttungen ohne ETF-Anteile verkaufen zu müssen. Ein ausschüttender ETF liefert das automatisch — quartalsweise oder jährlich.

Sparerpauschbetrag ausnutzen: Wer jedes Jahr sicherstellen möchte, dass der Sparerpauschbetrag von 1.000 € vollständig genutzt wird, kann das mit ausschüttenden ETFs einfacher steuern. Thesaurierende ETFs liefern nur die Vorabpauschale, die oft unter dem Pauschbetrag liegt.

Psychologischer Komfort: Manche Anleger fühlen sich mit regelmäßigen Ausschüttungen wohler — sie sehen das Geld tatsächlich fließen und neigen weniger dazu, in Krisen zu verkaufen.

Mehrere Anleger im Haushalt: Wenn Ehepartner je 1.000 € Sparerpauschbetrag haben, kann ein ausschüttender ETF helfen, beide Freibeträge optimal zu nutzen.

Teilfreistellung: Was ist das?

Aktien-ETFs genießen eine 30-prozentige Teilfreistellung. Das bedeutet: 30 % der Kapitalerträge (Dividenden, Kursgewinne, Vorabpauschale) sind steuerfrei. Nur 70 % werden mit Abgeltungssteuer belastet.

Diese Regelung gilt seit der Investmentsteuerreform 2018 und ist der Grund, warum ETFs steuerlich günstiger sind als direkte Aktienanlagen ohne Fondsstruktur.

Teilfreistellungssätze nach Fondstyp:

  • Aktienfonds (Aktienquote ≥ 51 %): 30 % Teilfreistellung
  • Mischfonds (Aktienquote 25–50 %): 15 % Teilfreistellung
  • Rentenfonds (Aktienquote < 25 %): 0 % Teilfreistellung

Wechsel zwischen thesaurierend und ausschüttend

Wenn du von einem thesaurierenden in einen ausschüttenden ETF wechseln möchtest (oder umgekehrt), ist das steuerlich ein Verkauf + Neukauf. Es entsteht ein Steuerereignis auf die aufgelaufenen Kursgewinne.

Ausnahme: Im Rahmen einer ETF-Rentenversicherung kann ohne Steuereffekt umgeschichtet werden — steuerfrei bis zur Auszahlung.

Strategietipp: Wer langfristig thesaurierend anlegen und im Ruhestand auf ausschüttend wechseln möchte, sollte diesen Wechsel steuerlich planen — idealerweise in einem Jahr mit niedrigen anderen Einnahmen, um den persönlichen Steuersatz zu minimieren.

Beliebte Paare: Thesaurierend vs. Ausschüttend

Für die meistgenutzten ETFs gibt es beide Varianten:

ETFThesaurierendAusschüttend
iShares MSCI WorldIE00B4L5Y983IE00B0M62Q58
Vanguard FTSE All-WorldIE00B3RBWM25
Amundi MSCI WorldLU1781541179LU1681045370

Der inhaltliche Unterschied zwischen den Varianten ist null — dieselben Aktien, dieselbe Gewichtung, nur die Ertragsverwendung unterscheidet sich.

Steueroptimierung im Versicherungsmantel

Wer die Steuerfrage elegant umgehen möchte, investiert in eine fondsgebundene Rentenversicherung (ETF-Rentenversicherung). Dort gilt:

  • Keine Vorabpauschale während der Ansparphase
  • Kein Steuereffekt bei Umschichtungen
  • Bei Auszahlung nach dem 62. Lebensjahr (mit mind. 12 Jahren Laufzeit): Halbeinkünfteverfahren — nur 50 % der Erträge steuerpflichtig

Das macht den thesaurierend/ausschüttend-Unterschied im Versicherungsmantel irrelevant — der Steuervorteil ist ohnehin eingebaut.

Was ist besser?

Für die meisten Langzeitanleger mit Anlagehorizont 15+ Jahre ist thesaurierend minimal besser — durch den Steuerstundungseffekt bleiben mehr Erträge im Depot und wachsen mit. Der Unterschied ist jedoch gering. Entscheidender ist, überhaupt anzufangen und die Strategie durchzuhalten.

Häufige Fragen

Was passiert, wenn ich vergesse, einen Freistellungsauftrag zu stellen? Der Broker zieht automatisch 26,375 % Abgeltungssteuer auf alle Erträge ab. Du kannst die zu viel gezahlte Steuer über die Steuererklärung zurückfordern.

Kann ich den Freistellungsauftrag auf mehrere Broker aufteilen? Ja. Der Gesamtbetrag darf 1.000 € (Singles) bzw. 2.000 € (Verheiratete) nicht überschreiten. Du kannst ihn frei aufteilen — z. B. 600 € bei Trade Republic und 400 € bei ING.

Wie melde ich ausschüttende ETFs in der Steuererklärung? Nicht — das macht der Broker für dich. Alle Kapitalerträge, Steuern und Erstattungen werden automatisch an das Finanzamt gemeldet. Du musst nichts selbst machen, außer den Freistellungsauftrag korrekt zu stellen.

Kann ich von ausschüttend auf thesaurierend wechseln, ohne Steuern zu zahlen? Nicht direkt im normalen Depot — Verkauf und Neukauf löst ein Steuerereignis aus. Im Versicherungsmantel einer ETF-Rentenversicherung ist ein steuerfreier Wechsel möglich.

Zählen Ausschüttungen als Einkommen? Nein — sie werden nicht mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert, sondern immer mit dem pauschalen Abgeltungssteuersatz von 25 % + Soli, unabhängig vom sonstigen Einkommen.

Was passiert in einem Crash-Jahr mit der Vorabpauschale? Wenn der ETF im Jahr nicht mindestens so stark gestiegen ist, wie die Vorabpauschale es voraussetzt, fällt sie anteilig oder komplett weg. In einem Jahr mit -20 % Marktentwicklung zahlst du keine Vorabpauschale.

Fazit

Thesaurierend vs. ausschüttend ist kein Schicksalsentscheid. Beide Varianten funktionieren gut. Die Vorabpauschale ist kein Nachteil des thesaurierenden ETFs — sie ist nur eine Vorauszahlung auf später anfallende Steuern. Für Langzeitanleger liefert thesaurierend einen leichten Steuerstundungsvorteil; für Anleger, die passives Einkommen wollen oder den Pauschbetrag ausschöpfen möchten, ist ausschüttend die praktischere Wahl.

Entscheidender als diese Frage: Überhaupt anfangen, breit diversifizieren und die Strategie in guten wie in schlechten Marktphasen konsequent durchhalten.

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Jonathan Scheele

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Social-Media-Agentur-Inhaber, Entwickler und Betreiber von stackero.de.