Im Jahr 2008 machte Warren Buffett eines der berühmtesten Angebote der Finanzgeschichte. Er wettete öffentlich 1 Million Dollar darauf, dass ein einziger günstiger S&P 500 Indexfonds jeden aktiv gemanagten Hedge-Fonds über einen Zeitraum von 10 Jahren schlagen würde — netto nach Kosten und Gebühren.
Ein Hedge-Fonds-Manager nahm die Wette an. Was folgte, war ein zehnjähriges Naturexperiment, das mit überraschender Deutlichkeit endete — und das bis heute das stärkste empirische Argument für passives Investieren ist.
Die Wette im Detail
Buffetts Seite: Ein Vanguard S&P 500 Indexfonds (Admiral Shares, damals mit einer jährlichen Kostenquote von 0,04 %) investiert passiv in alle 500 größten US-Unternehmen — ohne aktive Auswahl, ohne Market Timing, ohne teures Management.
Die Gegenseite: Ted Seides, Mitgründer von Protégé Partners, wählte ein Portfolio aus fünf „Funds of Funds” — also Fonds, die ihrerseits in eine Auswahl der besten Hedge-Fonds investierten. Diese Fonds hatten Zugang zu den klügsten Köpfen der Finanzbranche, ausgefeilten Strategien und theoretisch allen Mitteln, den Markt zu schlagen.
Laufzeit: 1. Januar 2008 bis 31. Dezember 2017 — 10 Jahre.
Zweck: Das Geld floss an eine Wohltätigkeitsorganisation. Buffett bestimmte die Girls Inc. of Omaha, Seides eine andere Nonprofit-Organisation.
Das Ergebnis nach 10 Jahren
Die Zahlen sprechen für sich — und sie sind deutlicher, als selbst Buffetts stärkste Befürworter erwartet hatten:
| Investition | Rendite 2008–2017 (kumuliert) |
|---|---|
| Vanguard S&P 500 Indexfonds | +125,8 % |
| Hedge-Fonds Portfolio A | +21,7 % |
| Hedge-Fonds Portfolio B | +42,3 % |
| Hedge-Fonds Portfolio C | +87,7 % |
| Hedge-Fonds Portfolio D | +2,8 % |
| Hedge-Fonds Portfolio E | +27,0 % |
| Durchschnitt der 5 Hedge-Fonds | +36,3 % |
Der einfache Indexfonds hat in 10 Jahren 125,8 % erzielt. Die fünf von einem Experten ausgewählten Hedge-Fonds-Portfolios im Durchschnitt nur 36,3 % — ein Unterschied von fast 90 Prozentpunkten.
Ted Seides gab die Niederlage bereits 2017 vor dem offiziellen Ende zu und konzedierte öffentlich, dass er verloren hatte.
Warum haben die Hedge-Fonds so weit unterperformt?
Das Ergebnis war kein Zufall, sondern das Resultat struktureller Nachteile:
1. Kostenstruktur: Hedge-Fonds berechnen typischerweise die „2-and-20”-Struktur: 2 % Verwaltungsgebühr p.a. auf das verwaltete Kapital plus 20 % der erzielten Gewinne. Die fünf Funds-of-Funds in der Wette hatten eine zusätzliche Kostenschicht — die Dachfonds verlangten selbst Gebühren obendrauf.
Nach konservativer Schätzung wurden durch Gebühren ca. 60 % der Bruttogewinne der Hedge-Fonds aufgefressen, bevor der Anleger irgendetwas sah.
2. Schlechte Startbedingungen — aber das war kein Zufall: Die Wette begann 2008 — direkt vor der Finanzkrise. Hedge-Fonds behaupten, in Abschwüngen besser abzuschneiden (durch Short-Positionen, Hedging etc.). In der Praxis schnitten die meisten Hedge-Fonds 2008 dennoch schlecht ab — und verpassten dann die starke Erholung 2009–2017, weil sie zu defensiv positioniert waren.
3. Die Benchmark-Falle: Der S&P 500 war ein extremes Jahrzehnt für US-Aktien — mit einer Hausse, die von günstiger Notenbankpolitik (QE) angetrieben wurde. Hedge-Fonds mit globaler Diversifikation, Short-Positionen und alternativen Strategien hatten in dieser Umgebung strukturelle Nachteile.
Buffetts Gegenargument: Das war kein Einwand. Hedge-Fonds nehmen Geld von Investoren, behaupten Überrenditen zu liefern, und können nicht einmal in einem langen Bullenmarkt einen simplen Indexfonds schlagen. Das war genau sein Punkt.
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Was Buffett selbst sagt: Der Rat an alle Privatanleger
Das Bemerkenswerteste an Buffetts Wette ist, was er nach dem Sieg sagte. Warren Buffett — der Mann, der durch aktive Unternehmensauswahl (Berkshire Hathaway) zu einem der reichsten Menschen der Welt geworden ist — empfiehlt Privatanlegern ausdrücklich, es nicht so zu machen wie er:
„Mein Rat an den Treuhänder meiner Frau ist denkbar einfach: 10 % in kurzfristige Staatsanleihen und 90 % in einen sehr günstigen S&P 500 Indexfonds. Ich glaube, die langfristigen Ergebnisse dieser Politik werden besser sein als die der meisten Investoren — ob Pensionsfonds, Institutionen oder Privatpersonen — die hochbezahlte Manager einsetzen.” — Warren Buffett, Berkshire Hathaway Jahresbericht 2013
Das ist eine bemerkenswerte Aussage: Der vielleicht erfolgreichste aktive Investor aller Zeiten sagt öffentlich, dass der Normalanleger passive Indexfonds wählen sollte.
Was die Wette über Hedge-Fonds aussagt
Die Wette war nicht gegen alle aktiven Manager — sondern spezifisch gegen Hedge-Fonds als Produktkategorie für Privatanleger. Die Schlussfolgerungen sind klar:
Kosten sind der dominante Faktor: Selbst wenn ein Hedge-Fonds brutto besser performt als der Markt, fressen die Gebühren die Mehrrendite auf. Die 2-and-20-Struktur macht es mathematisch extrem schwierig, netto besser als ein Indexfonds zu sein.
Complexity does not equal Alpha: Mehr Strategien, mehr Manager, mehr Handelspositionen bedeuten nicht zwangsläufig mehr Rendite. Die Komplexität der Hedge-Fonds hat ihnen in diesem Jahrzehnt nicht geholfen — sondern geschadet.
Diversifikation über viele „Experten” hilft nicht: Protégé Partners wählte nicht einen schlechten Hedge-Fonds — sie wählten ein diversifiziertes Portfolio von fünf Fonds, von denen jeder als bester seiner Klasse galt. Trotzdem verloren alle gegenüber dem Indexfonds.
Die Limits der Wette: Was sie nicht beweist
Jedes Experiment hat Grenzen, und die Wette sollte nicht überinterpretiert werden:
10 Jahre ist ein starker, aber kein definitiver Beleg: Es gibt aktive Manager, die über 10 Jahre outperformen. Die Frage ist, ob man sie im Voraus identifizieren kann — und das kann man statistisch nicht zuverlässig.
S&P 500 war in diesem Jahrzehnt außergewöhnlich: 2008–2017 war eines der stärksten Jahrzehnte für US-Aktien überhaupt. Ein global diversifizierter Indexfonds hätte deutlich schwächer abgeschnitten (internationaler Aktienmarkt hat sich in diesem Zeitraum weniger stark entwickelt als US-Aktien).
Hedge-Fonds haben andere Ziele: Manche Hedge-Fonds sind auf Kapitalerhalt, geringe Korrelation mit Märkten oder absolute Returns ausgerichtet — nicht auf maximale Rendite in einem Bullenmarkt. Diese Fonds sollten nicht ausschließlich an Rendite gemessen werden.
Was das für Privatanleger bedeutet
Die Lektion der Wette ist nicht: „Alle aktiven Manager sind schlecht.” Sie ist: Die Kosten des Finanzgewerbes machen es strukturell schwierig, nach Gebühren besser als der Markt abzuschneiden.
Für Privatanleger folgen daraus klare praktische Konsequenzen:
Kosten zuerst: Bei der Fondsauswahl ist die Kostenquote (TER) ein zuverlässigerer Indikator für zukünftige Nettorendite als vergangene Performance. Günstige Fonds schlagen teure Fonds im Schnitt langfristig — nicht weil sie klüger sind, sondern weil sie weniger kosten.
Indexfonds als Benchmark: Jede aktive Anlage muss sich messen lassen: Schlägt sie einen günstigen Indexfonds nach Kosten und Steuern? Wenn die ehrliche Antwort unklar ist, ist der Indexfonds die bessere Wahl.
Komplexität ist kein Qualitätsmerkmal: Hedge-Fonds, komplexe Zertifikate, strukturierte Produkte — Komplexität signalisiert in der Finanzwelt oft Kostenintensität, nicht Mehrwert. Das Einfachste funktioniert empirisch am besten.
Häufige Fragen
Kann Buffett selbst nicht mit Aktien besser als der Markt performen? Ja — Berkshire Hathaway hat über Jahrzehnte den S&P 500 deutlich geschlagen. Aber Buffett ist eine statistisch extreme Ausnahme. Er hat Zugang zu Deals, die kein normaler Anleger bekommt, und hat jahrzehntelange Erfahrung in fundamentaler Unternehmensanalyse. Das ist nicht replizierbar.
Sollte ich wirklich 90 % S&P 500 und 10 % Staatsanleihen halten? Buffetts Empfehlung ist für seine Frau gedacht — eine Person ohne Investitionserfahrung, die nach seinem Tod ein Vermögen verwalten muss. Für Europäer ist der MSCI World (global diversifiziert) sinnvoller als ein reiner S&P 500 Fonds. Die Kernbotschaft — günstig, breit, passiv — gilt aber universell.
Was wäre das Ergebnis mit einem anderen Startzeitpunkt? In einem Jahrzehnt mit Bärenmarkt (z. B. 2000–2010) hätte das Ergebnis möglicherweise anders ausgesehen — weil der S&P 500 in dieser Periode nahezu null Rendite lieferte. Langfristig (20+ Jahre) liegen die meisten Studien beim gleichen Ergebnis: Indexfonds schlagen aktive Fonds nach Kosten.
Was wäre, wenn Hedge-Fonds in der Wette günstigere Gebühren gehabt hätten? Eine legitime Gegenfrage. Mit 0,5 % statt 2 % Verwaltungsgebühr und ohne Performance-Fee wären manche Hedge-Fonds möglicherweise wettbewerbsfähiger. Aber: Hedge-Fonds mit günstigen Gebühren gibt es kaum — das Geschäftsmodell basiert auf hohen Gebühren.
Was Buffett selbst mit seinem eigenen Geld macht
Warren Buffett hat in seinem Testament eine klare Anweisung hinterlassen, wie das Geld für seine Frau angelegt werden soll:
Buffetts Testament-Anweisung: „10 % in kurzfristige Staatsanleihen, 90 % in einen sehr kostengünstigen S&P 500-Indexfonds (ich empfehle Vanguard).”
Das ist die vielleicht berühmteste Endorsement des passiven Investierens – von dem Mann, der selbst der erfolgreichste aktive Investor aller Zeiten ist. Buffett weiß, dass nach ihm niemand seine Fähigkeiten hat, und empfiehlt deshalb das Einfachste: den Index.
Wovon Buffett sein eigenes Geld fernhält
Trotz seiner enormen Kompetenz investiert Buffett sein privates Geld nicht in:
- Hedge-Fonds
- Private Equity
- Kryptowährungen
- Derivate und Optionen (außer in sehr spezifischen Berkshire-Strategien)
- Momentum-Strategien
Das ist kein Zufall. Buffett versteht, dass Einfachheit und Beständigkeit langfristig gewinnt.
Was die 10-Jahres-Performance wirklich beweist
Die Wette beweist mehrere Dinge gleichzeitig:
1. Gebühren sind der Haupttreiber der Underperformance: Buffett hat berechnet, dass die Hedge-Fonds-Industrie in diesem Zeitraum 100 Mrd. USD an Gebühren verdiente – Geld, das direkt aus den Anlegerrenditen kam.
2. Der Markt ist schwer zu schlagen: Selbst hochbezahlte Profis mit allen Ressourcen schaffen es im Durchschnitt nicht, einen breiten Index zu schlagen.
3. Einfachheit ist mächtig: Ein ETF auf den S&P 500 ohne Managementaufwand schlug fünf sorgfältig ausgewählte Hedge-Fonds-of-Funds.
Hedge-Fonds in Deutschland: Was Privatanleger wissen sollten
In Deutschland sind Hedge-Fonds für Privatanleger weitgehend unzugänglich (regulatorische Beschränkungen). Was zugänglich ist:
Absolute Return-Fonds: Marketingname für Fonds, die „unabhängig vom Markt” positive Renditen anstreben. In der Praxis: oft enttäuschende Renditen, hohe Kosten, keine bessere Korrelation als normale Fonds.
Multi-Asset-Fonds: Mischfonds, die in Aktien, Anleihen, Rohstoffe etc. investieren. Teurer als ETF-Portfolios, aber zugänglicher als echte Hedge-Fonds.
Was Buffetts Wette für diese Produkte bedeutet: Das gleiche Prinzip gilt: Kosten fressen Rendite. Ein günstiges ETF-Weltportfolio (70 % MSCI World + 30 % Anleihen) schlägt langfristig die meisten dieser Produkte.
Fazit
Buffetts Wette war nie nur ein Experiment — es war ein pädagogisches Ereignis. Zehn Jahre lang war das Ergebnis öffentlich verfolgbar, und es endete mit einer Deutlichkeit, die schwer zu ignorieren ist.
Der simple Indexfonds schlug die von Experten ausgewählten Hedge-Fonds um fast 90 Prozentpunkte. Nicht wegen Glücks, nicht wegen eines außergewöhnlichen Marktumfelds allein — sondern vor allem, weil er fast nichts kostete.
Das ist die einzige Lektion, die Privatanleger daraus mitnehmen müssen: Kosten minimieren, breit diversifizieren, Zeit geben. Alles andere ist Lärm.