Wer die Bedingungen seines ETF-Anbieters genau liest, stößt früher oder später auf einen Satz wie diesen: „Der Fonds kann Wertpapiere verleihen, um Erträge zu erzielen.” Für viele Anleger klingt das besorgniserregend: Werden meine Aktien verliehen? Kann ich sie trotzdem noch verkaufen? Und wer profitiert — ich oder die Fondsgesellschaft?
Die gute Nachricht: Wertpapierleihe ist bei ETFs weit verbreitet, gut reguliert und in der Praxis ein kleiner, aber realer Vorteil für den Anleger. Die etwas schlechtere Nachricht: Der Teufel steckt im Detail — und manche ETF-Anbieter lassen sich den Löwenanteil der Leiheinnahmen selbst gutschreiben.
Was ist Wertpapierleihe?
Wertpapierleihe (englisch: Securities Lending) ist eine Praxis, bei der ein Fonds Aktien oder Anleihen aus seinem Portfolio vorübergehend an einen Dritten verleiht — in der Regel an einen Hedgefonds oder eine Investmentbank — gegen eine Leihgebühr.
Der Entleiher möchte die Wertpapiere typischerweise für Leerverkäufe nutzen: Er verkauft sie am Markt, hofft auf einen Kursrückgang und kauft sie später günstiger zurück, um sie an den ETF-Fonds zurückzugeben. Die Differenz ist sein Gewinn.
Der ETF-Fonds erhält für die Leihe eine Gebühr — die sogenannte Leihgebühr — und verringert damit seine laufenden Kosten (TER). Der Nettovorteil fließt in die Fondsrendite.
Wie sicher ist Wertpapierleihe?
Das Hauptrisiko der Wertpapierleihe ist das Kontrahentenrisiko: Was passiert, wenn der Entleiher die Wertpapiere nicht zurückgeben kann — zum Beispiel, weil er insolvent wird?
Dagegen gibt es Schutzmechanismen:
1. Besicherung (Collateral) Der Entleiher muss Sicherheiten hinterlegen — in der Regel Staatsanleihen oder andere liquide Wertpapiere — im Wert von 102–105 % des geliehenen Portfoliowerts. Wenn der Entleiher ausfällt, kann der ETF-Fonds auf diese Sicherheiten zugreifen.
2. Tägliches Marking-to-Market Die Sicherheiten werden täglich an den aktuellen Marktwert angepasst. Steigt der Wert der geliehenen Wertpapiere, muss der Entleiher sofort mehr Sicherheiten nachschiessen.
3. Gesetzliche Obergrenzen Nach UCITS-Regulierung (europäisches Fondsrecht) darf ein ETF maximal 100 % seines Portfolios verleihen — in der Praxis leihen die meisten ETFs deutlich weniger aus (5–50 % des Portfolios).
4. Indemnification (Entschädigungsgarantie) Große ETF-Anbieter wie iShares (BlackRock) garantieren dem Fonds Entschädigung, wenn ein Entleiher ausfällt und die Sicherheiten nicht ausreichen. Das macht das Risiko für den Anleger de facto vernachlässigbar.
Wer verdient was?
Hier liegt ein wichtiger Unterschied zwischen ETF-Anbietern:
| Anbieter | Anteil Leiheinnahmen an Fonds | Anteil an Anbieter |
|---|---|---|
| iShares (BlackRock) | 62,5 % | 37,5 % |
| Vanguard | 100 % | 0 % |
| Xtrackers (DWS) | Variiert (oft 50–70 %) | Variiert |
| Amundi | Variiert | Variiert |
Vanguard ist der Ausreißer: Als genossenschaftlich strukturierte Gesellschaft gehört Vanguard seinen Fondsinhabern — sämtliche Leiheinnahmen fließen vollständig zurück an die Fonds. Das ist ein echter Vorteil für Anleger in Vanguard-ETFs.
iShares behält 37,5 % der Leiheinnahmen als Verwaltungsgebühr. Das klingt viel, ist aber in der Praxis akzeptabel, weil die Leihgebühren bei marktbreiten ETFs (MSCI World) ohnehin gering sind — oft unter 0,05 % p.a. Der BlackRock-Anteil daran ist minimal.
Bei kleineren, spezialisierten ETFs (z. B. Small Caps, Schwellenländer, bestimmte Sektoren) sind die Wertpapiere begehrter für Leerverkäufer — und die Leihgebühren entsprechend höher. Hier kann die Aufteilung einen echten Renditebeitrag leisten.
ETF & Fondskosten Vergleich
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Der Renditebeitrag: Wie viel bringt Wertpapierleihe?
Für einen breit diversifizierten ETF wie den MSCI World ist der Beitrag der Wertpapierleihe gering — oft zwischen 0,01 % und 0,05 % p.a. Das entspricht einem Anteil von ca. 5–25 % der jährlichen Gesamtkosten (TER). Bei einem ETF mit TER von 0,20 % kann Wertpapierleihe den Tracking Error gegenüber dem Index auf unter 0,15 % drücken.
Bei spezialisierten ETFs kann der Beitrag deutlich höher liegen:
- EM Small Cap ETFs: Bis zu 0,20 % p.a. Leiheinnahmen
- REITS-ETFs: 0,05–0,15 % p.a.
- Sektor-ETFs: Variiert stark je nach Nachfrage nach Leerverkäufen
Das bedeutet: Ein ETF auf den MSCI World Small Cap kann durch Wertpapierleihe effektiv günstiger werden als sein offizieller TER — wenn die Leiheinnahmen den TER teilweise oder vollständig kompensieren.
Physisch vs. synthetisch: Ein anderes Risikoprofil
Bei der Diskussion um Kontrahentenrisiko ist es wichtig, zwei Typen von ETFs zu unterscheiden:
Physisch replizierende ETFs kaufen die tatsächlichen Aktien des Index. Wertpapierleihe ist möglich, aber optionales Zusatzeinkommen.
Synthetisch replizierende ETFs (Swap-ETFs) bilden den Index nicht durch den direkten Kauf der Aktien nach, sondern durch einen Tauschvertrag (Swap) mit einer Bank. Das Kontrahentenrisiko ist hier strukturell anders — und im Falle einer Bankinsolvenz regulatorisch auf maximal 10 % des Fondswerts begrenzt (UCITS-Regulierung).
Wertpapierleihe tritt vor allem bei physischen ETFs auf. Bei Swap-ETFs ist sie seltener, weil das Portfolio ohnehin oft aus anderen Wertpapieren besteht (Sicherheitskorb), die separat verliehen werden können.
Wie erkenne ich, ob mein ETF Wertpapiere verleiht?
Die Information findet sich im KIID (Key Investor Information Document) und im Jahresbericht des ETFs. Dort wird ausgewiesen:
- Ob Wertpapierleihe betrieben wird
- Der maximale Anteil des verleihbaren Portfolios
- Welcher Anteil der Einnahmen an den Fonds zurückfließt
- Welche Sicherheitenarten akzeptiert werden
Diese Dokumente sind für alle in Deutschland zugelassenen ETFs auf den Webseiten der Anbieter oder über die Deutsche Bundesbank zugänglich.
Praktische Einschätzung: Muss ich mir Sorgen machen?
Für den Privatanleger in einen marktbreiten ETF (MSCI World, FTSE All-World, S&P 500) lautet die ehrliche Antwort: Nein. Die Kombination aus Besicherung (102–105 %), täglichem Marking-to-Market und Entschädigungsgarantien der großen Anbieter macht das Restrisiko vernachlässigbar.
Ein größeres Risiko für den Langfristanleger ist das Verhalten in Marktcrashs — also nicht das Wertpapierleihe-Kontrahentenrisiko, sondern die eigene Disziplin beim Durchhalten.
Bei spezialisierten ETFs (Nischenmärkte, einzelne Länder, Sektoren) lohnt ein Blick in das KIID, um zu verstehen, wie hoch der Anteil der Wertpapierleihe ist und wer die Einnahmen erhält.
Häufige Fragen
Kann ich meine ETF-Anteile noch verkaufen, wenn sie verliehen sind? Ja. Verliehen werden einzelne Wertpapiere aus dem Fondsportfolio — nicht deine Fondsanteile. Du kannst ETF-Anteile jederzeit verkaufen, unabhängig davon, ob im Hintergrund Wertpapiere verliehen sind.
Was passiert, wenn der Entleiher bankrottgeht? Der ETF-Fonds greift auf die hinterlegten Sicherheiten zu und ersetzt die fehlenden Wertpapiere. In der Praxis haben große ETF-Anbieter historisch alle solchen Ereignisse ohne Verluste für Anleger abgewickelt.
Unterscheidet sich das Risiko bei deutschen vs. irischen ETFs? Nein. Alle UCITS-ETFs (sowohl in Irland als auch in Deutschland domizilierte) unterliegen denselben Regulierungsanforderungen für Wertpapierleihe — maximal 100 % Verleihung, Besicherungspflicht, etc.
Warum verleiht Vanguard 100 % der Einnahmen an den Fonds zurück? Weil Vanguard als einziger großer ETF-Anbieter seinen Fonds-Inhabern gehört. Es gibt keine externen Aktionäre, denen Gewinne zustehen — alle Einnahmen fließen zurück in die Fonds und kommen den Anlegern zugute.
Wirkt sich Wertpapierleihe auf die Dividenden aus? Wenn Aktien während eines Hauptversammlungs-Termins verliehen sind, erhält der Fonds statt echter Dividenden sogenannte „manufactured dividends” (Ersatzzahlungen) vom Entleiher. Diese sind steuerlich identisch behandelt wie echte Dividenden.
Kann ich ETFs kaufen, die keine Wertpapierleihe betreiben? Ja. Einige ETF-Anbieter, darunter bestimmte Produkte von Amundi und kleinere Anbieter, verzichten auf Wertpapierleihe. Das ist kein eindeutiger Vorteil — man verzichtet auf potenzielle Zusatzeinnahmen, erhält aber ein einfacheres Risikoprofil.
Kontrahentenrisiko quantifiziert: Was kann wirklich schiefgehen?
Das Kontrahentenrisiko aus Wertpapierleihe ist das am häufigsten genannte Gegenargument. Wie groß ist es wirklich?
Regulatorischer Rahmen: Nach EU-UCITS-Richtlinie dürfen maximal 100 % des Portfoliowerts verliehen werden, aber Sicherheiten müssen mindestens 102 % (Staatsanleihen) oder 105 % (andere Sicherheiten) betragen.
Praktische Ausleihquoten:
- iShares ETFs: typisch 5–30 % des Portfolios ausgeliehen
- Vanguard ETFs: bis zu 30 %
- Bei sehr liquiden ETFs (MSCI World): oft weniger als 10 %
Verlustrisiko: Wenn der Kontrahent (z. B. eine Bank) ausfällt, greift die Sicherheit. Bei 105 % Sicherheitenabdeckung und 10 % Ausleihquote: maximaler theoretischer Verlust ~0,5 % des Portfoliowerts. Das ist vernachlässigbar.
Historische Vorfälle: Hat Wertpapierleihe je zu Verlusten geführt?
Ein berechtigter Test für das System: Gab es je tatsächliche Verluste durch Wertpapierleihe in ETFs?
Lehman Brothers 2008: Lehman Brothers war einer der größten Wertpapierleihnehmer. Bei der Insolvenz 2008 mussten ETF-Anbieter die Sicherheiten verwerten. Ergebnis: Keine nennenswerten Verluste für Anleger – das Sicherheitensystem funktionierte.
Fazit der Vergangenheit: Kein bekannter Fall, in dem Privatanleger durch ETF-Wertpapierleihe materielle Verluste erlitten.
Transparenz prüfen: Wo du die Leihdaten findest
Du musst nicht blind vertrauen. Alle Daten zur Wertpapierleihe sind öffentlich zugänglich:
Für iShares ETFs: Auf blackrock.com → Produktseite → „Fund Details” → „Securities Lending Revenue”
Für Vanguard ETFs: vanguard.co.uk → Produktseite → „Securities lending”
Was du sehen kannst:
- Aktuell ausgeliehener Prozentsatz des Portfolios
- Erhaltene Sicherheiten
- Erlöse aus der Wertpapierleihe (in Basispunkten)
- Weitergabe an den Fonds (in Prozent der Gesamterlöse)
Fazit
Wertpapierleihe ist kein Skandal, sondern eine regulierte, weit verbreitete Praxis, die Anlegern in marktbreiten ETFs einen kleinen Renditebeitrag liefert. Die Schutzmaßnahmen (Besicherung, Tages-Marking, Entschädigungsgarantien) machen das Restrisiko für die meisten Privatanleger vernachlässigbar.
Der einzige wirkliche Kritikpunkt: Manche ETF-Anbieter behalten einen zu großen Anteil der Leiheinnahmen. Hier lohnt ein Blick in das KIID. Vanguard-Anleger haben dieses Problem nicht — ihre Leiheinnahmen fließen vollständig zurück.
Insgesamt sollte Wertpapierleihe kein Entscheidungskriterium bei der ETF-Auswahl sein. Index-Abdeckung, Kosten (TER), Fondsgröße und Anbieterreputation sind wichtiger. Wertpapierleihe ist ein kleines positives Detail — kein Risiko, das nachts schlaflos macht.